Nachgefragt beim Tierarzt: Herpes

Es gibt wohl keine Krankheit, vor der Schildkrötenhalter so viel Angst haben, wie vor einer Herpesinfektion ihrer Tiere – und das wohl zu Recht. Tierarzt Frank Mittenzwei hat hier die wichtigsten Grundinformationen zusammengestellt.

1. Was versteht man unter Herpes-, Rana-Viren, bzw. Virus X? Worin bestehen die Unterschiede? Wie häufig treten die einzelnen Erreger auf?

Die drei oben genannten Viren gehören zu unterschiedlichen Familien und sind daher nicht gleichzusetzen- auch wenn die Erkrankungssymptome oft ähnlich erscheinen!
Herpes-Viren werden mit Abstand am häufigsten bei Schildkröten gefunden. Neben Meeres- und Wasser-Schildkröten sind insbesondere Landschildkröten betroffen. Bei Steppen- und Griechischen Land-Schildkröten kommt es bei einer Infektion deutlich häufiger zu Todesfällen als bei maurischen Landschildkröten und der Breitrand-Schildkröte.
Rana-Viren gehören zu den Iridoviren. Diese, erstmals bei Fröschen isolierten Viren führen häufig bei Schlangen und Schildkröten zu Infektionen. Insbesondere sind Landschildkröten der Gattungen Testudo, Geochelone und Terrapene betroffen. Die Infektion wird deutlich seltener als eine Herpesvirus-Infektion nachgewiesen.
Das Virus-X gehört zu den Picorna-Viren. Dies sind kleine, unbehüllte Viren, die häufig parallel bei Herpesvirus-Infektionen gefunden werden. Auch besteht offenbar ein Zusammenhang der gehäuften Jungtiersterblichkeit und der „Panzerweiche“ bei Jungschildkröten mit dieser Infektion.

2. Wie entwickelt sich eine Virus-Infektion in einer Schildkröte?

Schildkröten stecken sich durch direkten Kontakt mit den Viren an. Eine Infektion durch ein infiziertes Muttertier auf den eigenen Nachwuchs im Ei kann nach derzeitigem Kenntnisstand der Wissenschaft nicht ausgeschlossen werden!!
Viren sind nicht eigenständig überlebensfähig und deshalb auf die Stoffwechselfunktionen ihrer Wirte angewiesen. Die Schädigung des Wirtes erfolgt indirekt durch einfache Vermehrung in Körperzellen – wenn das Immunsystem des Wirtes dies nicht verhindern kann (symptomlose Infektion bedingt z.B. durch hohen Antikörper-Titer). Die betroffenen Zellen werden zunächst zerstört. In der Regel schließt sich eine nachfolgende Infektion mit verschiedenen Bakterien an, die dann auch zu den sichtbaren (!) Symptomen führt. Eine eventuelle Behandlung kann nur gegen diese Zweit-Infektion gerichtet sein. Die eigentliche (Virus-)Ursache kann nicht behandelt werden.

Herpesbefallene Schildkröte. Foto: Privat

Die Symptome bei der Herpes- und Ranavirus-Infektion ähneln sich stark. Auffälligstes Merkmal sind eitrige Beläge der Zunge und des Maules (Stomatitis). Daneben kommt es zu Fressunlust (Inappetenz) und Apathie. Der Verlauf kann akut (Todesfälle innerhalb weniger Tage!) bis chronisch (Siechtum über Monate) sein. Bei der Ranavirus-Infektion werden häufiger zusätzlich Infektionen der Augen, sowie eine deutlich gesteigerte Blutungsneigung festgestellt.
Das Virus-X wird häufig im Zusammenhang mit plötzlicher Jungtiersterblichkeit und schnellem Weichwerden des Panzers gefunden. Es ist extrem wichtig, dass in Verdachtsfällen eine Sektion durchgeführt wird, die auch eine Untersuchung auf Viren beinhaltet!

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen – Tierarztbesuch?

Der akute Ausbruch einer Virus-Infektion ist lebensbedrohlich: Nur durch eine umgehend eingeleitete fach-tierärztliche Therapie ist die Chance auf Überleben gegeben!!!
Ein offensichtlich krankes Tier ist umgehend aus der Gruppe zu entfernen und in strikter Quarantäne zu halten! Hierfür eignen sich übergangsweise einfach zu reinigende Behältnisse wie Plastikwannen etc.. Die klimatischen Grundbedürfnisse wie Licht und Wärme müssen auch während einer Quarantäne-Zeit den natürlichen Umweltbedingungen der jeweiligen Schildkrötenart entsprechen!

5. Wie wird diese Erkrankung vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?

Grundsätzlich werden folgende Methoden unterschieden:
Beim direkten Nachweis werden mit Hilfe geeigneter Laborverfahren (z.B. PCR) Viren oder Virenteile gesucht. Diese Methode ist sehr effektiv, kann allerdings nur dann erfolgreich sein, wenn z.B. in einem Akut-Stadium auch tatsächlich Viren ausgeschieden werden.
Beim indirekten Nachweis werden mit Hilfe geeigneter Laborverfahren vom betroffenen Tier gebildete Antikörper nachgewiesen. Damit lässt sich auch der länger zurückliegende Virus-Kontakt bei einem ansonsten unauffälligen Tier bestätigen.
Als dritte Methode kommt die histologische Untersuchung der Organe nach dem Tode in Frage. Dort können Virus-typische Befunde (z.B. Einschlusskörperchen) erhoben werden.
Deshalb ist eine Sektion bei unklaren Todesfällen extrem wichtig!

6. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Prinzipiell ist keine spezifische (gegen einen bestimmten Erreger gerichtete) Therapie bekannt. Die Behandlung zielt auf die Verbesserung des Allgemeinzustandes und auf die Eliminierung von sekundären Erregern (in der Regel Bakterien).

7. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?

Pauschale Angaben über den Erfolg einer Behandlung können nicht gemacht werden. Daher ist die Prognose immer zunächst als sehr vorsichtig zu stellen. Mit jedem Tag steigt natürlich auch die Chance auf ein (dauerhaftes?) Weiterleben des erkrankten Tieres. Zu bedenken ist, dass auch ein überlebendes Tier grundsätzlich (insbesondere in Stress-Situationen) wieder erkranken kann und auch als potentieller Dauerausscheider gilt –  es besteht die Gefahr der Virus-Übertragung auf gesunde Tiere! Daher sollten Tiere, bei denen direkt oder indirekt ein Virus nachgewiesen wurde, aber auch Tiere, die mit infizierten Tieren zusammen gelebt haben, lebenslang von zweifelsfrei gesunden Tieren getrennt gehalten werden.

8. Was kann ich tun, um in Zukunft einen akuten Schub der Erkrankung zu verhindern?

Optimale (naturnahe!) Bedingungen sind die Grundvorrausetzung für eine dauerhafte Haltung infizierter Tiere. Hierzu zählt auch die ausreichend verfügbare Wärme durch beheizbare Schutzhäuser bei Landschildkröten, eine Kalthaltung begünstigt Krankheitsschübe. Es ist durchaus möglich, dass Kontakt-Tiere als „unauffällige“ Pfleglinge jahrzehntelang weiter leben. Da Virus-Infektionen häufig in oder kurz nach der Winterruhe ausbrechen, sollte auf eine fachgerecht durchgeführte Ruhephase besonderes Augenmerk gelegt werden. Hierzu sind klinische Untersuchungen (Kot, Blut etc.) sehr wertvoll. Das Gewichts-Monitoring sollte auch während der Ruhephase stattfinden.
Grundsätzlich gilt es Stress jeglicher Art, wie z.B. Gehege-Umgestaltungen, oder andere externe Störungen zu vermeiden.

9. Wie kann ich Freigehege und Frühbeet nach einem Aufenthalt infizierter Schildkröten sicher wieder desinfizieren, um eine Ansteckung zu verhindern?

Die größtmögliche Sicherheit vor einer Re- oder Neuinfektion in einem mit infizierten Schildkröten besetzten Gehege wäre der vollständige Verzicht auf diese Anlage. Dies ist jedoch in den meisten Fällen nicht möglich und – mit Akzeptanz eines minimalen Restrisikos – auch nicht notwendig. Das Ausbringen einer ca. 20% Kalkmilch an mehreren Tagen hintereinander im Herbst reduziert vorhandene Viren in den obersten Bodenschichten. Falls möglich, sollte im kommenden Frühjahr der Boden der Anlage umgegraben und neu gestaltet werden. Von Herpes-Viren ist bekannt, dass sie den warmen Sommer deutlich schlechter überstehen, als die kühleren Wintermonate. Deshalb ist es insgesamt ratsam eine „infizierte“ Schildkrötenanlage mindestens ein Jahr lang nicht wieder zu besetzen.

10. Wie kann ich meinen Bestand am besten vor einer Virus-Infektion schützen (Prophylaxe)?

Der beste Schutz vor einer Virus-Infektion in einem Schildkrötenbestand ist die absolut strikte Einhaltung einfacher Regeln – ohne Ausnahme:

  1. Sicherstellen der Virus-Freiheit durch Kontrolle des aktuellen Bestandes auf Virus-Antikörper (am besten mehrfach durchzuführen)
  2. Kein auch nur kurzfristiges und gutgemeintes Abgeben oder Aufnehmen von Schildkröten (z.B. Urlaub, „Blut-Auffrischung“, Fundtiere etc.)!
  3.  Einhaltung einer mindestens einjährigen Quarantänezeit mit mehrfachen Labor-Untersuchungen auf Viren und Parasiten vor der Übernahme in den eigenen Bestand!

Tierarzt Frank Mittenzwei
-Reptilien-
Am Pflaster 27
63599 Biebergemünd-Bieber
Tel. 06050-3300
Mail:frank.mittenzwei@web.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

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