Nachgefragt beim Tierarzt: Gicht

Gicht gehört zu den Schildkrötenkrankheiten, die nicht nur sehr häufig diagnostiziert werden, sondern die auch sehr häufig unter Haltern diskutiert werden. Die Ursachen liegen in der Regel in jahrelanger falscher Haltung. Oft werden an Gicht erkrankte Tiere auch weitergegeben.
Wir befragten Tierärztin Dr. med vet. Natalie Steidele zum Thema:

1. Was ist Gicht?
Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich zu viel Harnsäure, die eigentlich über die Nieren ausgeschieden werden sollte, im Blut ansammelt und sich dann in Gelenken und Organen ablagert. Diese Harnsäure bildet hier Kristalle, die die äußerst schmerzhaften Gichtschübe verursachen.

2. Was sind die Ursachen einer Gicht-Erkrankung bei Schildkröten?
Ganz allgemein kommt es durch Wassermangel und zu proteinreiche Ernährung zur Gicht.
Aber auch Vergiftungserscheinungen (ungeeignete Medikamente, Frostschutzmittel) sowie eine langfristige falsche Umgebungstemperatur können zu Nierenschädigungen führen.

3. Woran erkenne ich, ob eine Schildkröte an Gicht erkrankt ist, z.B. wenn mir ein Tier angeboten wird (Symptome)?
Diese Frage ist leider nicht so einfach zu beantworten. Befindet sich das Tier gerade in einem akuten Gicht-Schub, zeigt es eventuell Schmerzen, schlechte Futteraufnahme, ist wenig aktiv usw.. Leidet das Tier allerdings schon länger an chronischer Gicht, zeigen die Tiere häufig keine Symptome, als Wildtiere versuchen sie, ihre Schmerzen solange zu kaschieren, wie sie nur können. Daher ist im Falle einer Übernahme eines Tieres, nicht nur zur Abklärung einer Gicht, eine gründliche Untersuchung beim Tierarzt inkl. Blutentnahme sicherlich sinnvoll.

Gesunde, ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung ist der beste Schutz gegen Gichterkrankungen.

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen, wenn ich meine, eine Gichterkrankung festgestellt zu haben?
Da die Symptome, die eine Gichterkrankung mit sich bringt, recht unspezifisch sind und auch bei einer ganzen Reihe anderer organischer Erkrankungen auftreten können, empfiehlt sich ein baldiger Tierarztbesuch. Nur mittels Diagnostik, wie Blutentnahme, Röntgen und Ultraschall, kann festgestellt werden, ob es sich tatsächlich um eine Gicht handelt oder ob das Tier an einer anderen Erkrankung leidet.

5. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Da die Gicht zu dem Zeitpunkt, zu dem das Tier beginnt Symptome zu zeigen, bereits länger besteht, ist beim Verdacht auf eine Gichterkrankung keine Notfallsituation gegeben, in der das Tier umgehend dem Tierarzt vorgestellt werden muss. Allerdings sollte im Hinblick darauf, dass das Tier Schmerzen hat und die Aussichten auf einen Therapieerfolg umso besser sind, je eher mit der Behandlung begonnen wird, baldmöglichst ein Tierarzt aufgesucht werden.

6. Wie wird diese Erkrankung vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?
Der Tierarzt wird Blut abnehmen und den Harnsäurespiegel sowie weitere Organwerte und das Calcium-Phosphat-Verhältnis im Blut bestimmen. Bei fortgeschrittener Gicht sind die Harnsäureablagerungen unter Umständen auch bereits im Ultraschall und/oder auf einem Röntgenbild erkennbar.

7. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?
Die Behandlung hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Bei vielen Tieren wird eine Nierenschädigung als Zufallsbefund bei einer Routineuntersuchung festgestellt. Zeigt das Tier noch keinerlei Symptome, stehen die Aussichten auf einen Therapieerfolg oft nicht schlecht. In jedem Fall wird dem Tier mittels Infusionen Flüssigkeit zugeführt, je nach Symptomen und Blutbefund wird zusätzlich mit Medikamenten versucht, den Harnsäurespiegel im Blut zu senken. Bei einem akuten Gicht-Schub sind Schmerzmittel angezeigt.

8. Welche besondere Pflege, welche besondere Haltung braucht ein an Gicht erkranktes Tier?
Ein an Gicht erkranktes Tier braucht eigentlich keine besondere Haltung, dennoch sollte natürlich Fütterung und Haltung weitestgehend optimiert werden. Ebenso empfiehlt es sich, das Tier und sein Verhalten gut zu beobachten, um Änderungen im Allgemeinbefinden sowie der Futteraufnahme baldmöglichst feststellen zu können.

9. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?
Eine manifeste Gicht ist leider nicht mehr heilbar, allerdings können je nach Stärke der Erkrankung die Symptome mit medikamenteller Therapie so gelindert werden, dass das Tier wieder Lebensqualität hat. Wichtig ist hierbei, nicht nur Medikamente und Infusionen zu geben, sondern auch die Haltung und Fütterung dementsprechend umzustellen.

10. Was kann ich tun, um Gichterkrankungen zu vermeiden?
Gerade herbivore, also pflanzenfressende Schildkröten sollten nicht zu proteinreich ernährt werden. Dass die Fütterung von Pellets und Obst für z.B. europäische Landschildkröten zu gehaltvoll ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Allerdings sollte man sich generell an den Verhältnissen im Ursprungsland der Tiere orientieren, nicht nur was die Haltung, sondern auch was die Fütterung betrifft. So hat es keineswegs etwas mit Tierquälerei zu tun, ganz im Gegenteil, wenn ein Tier, das in seiner natürlichen Umgebung über mehrere Monate nur vertrocknete Pflanzenreste findet, auch in menschlicher Obhut über diese Zeit eben nur Heu zu fressen bekommt.
Weniger ist hier oft mehr!
Wassermangel beheben bedeutet nicht nur, den Tieren eine Wasserschüssel zur Verfügung zu stellen. Die meisten Tiere nehmen nur Wasser auf, wenn sie sich komplett in die Wasserschüssel setzen können, diese sollte also groß genug sein, dass das ganze Tier hineinpasst.
Auch eine niedrige Luftfeuchte kann eine Rolle spielen, in jedem Gehege und Terrarium sollte es daher feuchte, kühle Ecken geben, in die sich die Tiere zurückziehen können.
Auch eine dauerhaft zu niedrige Umgebungstemperatur führt zu einem Anstieg der Harnsäure im Blut und somit zu Gicht.
Mit einer möglichst dem Tier angepassten Haltung und Fütterung kann das Auftreten Gichterkrankungen zumindest weitgehend vermieden werden.

Dr. med. vet Natalie Steidele

Mail: info@reptilien-und-co.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

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