Nachgefragt beim Tierarzt: Posthibernale Anorexie

Viele Schildkrötenhalter wundern sich, wenn ihre Tiere nach der Winterstarre nicht unmittelbar zu fressen beginnen. Ist das ein Grund zur Beunruhigung? Wir haben bei Tierarzt Frank Mittenzwei nachgefragt:

 

1. Was ist eine posthibernale Anorexie?
Unter der posthibernalen Anorexie versteht man die Unlust zu fressen (Appetitlosigkeit) insbesondere bei mediterranen Landschildkröten im Anschluss an die Winterstarre (Hibernation).

2. Wie entsteht eine posthibernale Anorexie, wodurch wird sie verursacht?
Eine ganze Reihe von Entgleisungen des Stoffwechsels sind für die posthibernale Anorexie verantwortlich. Nach gegenwärtigem Stand sind die Ursachen hauptsächlich in nicht sachgerecht durchgeführter Winterstarre zu suchen. So werden etwa durch zu hohe Temperaturen Stoffwechselfunktionen in Gang gesetzt, die letztendlich zu massiven Schädigungen der Leberzellen führen können. Bei gleichzeitiger Hypoglykämie (Unterzuckerung) entwickeln Landschildkröten eine meist länger anhaltende Appetitlosigkeit.

Wenn Schildkröten aus der Winterstarre...

3. Woran erkenne ich, ob meine Schildkröten eine posthibernale Anorexie haben (Symptome)?
Auffälligstes Symptom ist, dass die Tiere scheinbar völlig „normal“ die Winterstarre beenden, dann aber das Futterangebot weitgehend ignorieren. Meistens kommt es dabei nicht sofort zu einem deutlichen Gewichtsverlust, was das Erkennen einer posthibernalen Anorexie nicht eben erleichtert.

 

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen?
Ein Tier, das zum ersten Mal auffällig wird (wenn es z.B. anders als in den Vorjahren nicht sofort anfängt zu fressen) sollte baldmöglichst einem spezialisierten Tierarzt vorgestellt werden. Es gibt aber auch Tiere, die jedes Jahr etwas länger brauchen, bis sie anfangen Nahrung aufzunehmen. Solche Tiere sind zunächst nur für einige Tage genauer zu beobachten. Besonders ist auf ausreichende Wasseraufnahme zu achten (bei der im Regelfall der Harnblaseninhalt komplett entleert wird). Im Zweifelsfall muss natürlich sofort ein Tierarzt aufgesucht werden!

5. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Im Zweifel ist baldmöglichst ein spezialisierter Tierarzt aufzusuchen. Adressen finden sich bei den jeweiligen Landestierärztekammern (www.tieraerztekammer.de ) oder auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), (www.dght.de)

zurückgekehrt sind, dann...

6. Wie wird diese Erkrankung vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?
Bei Reptilien ist immer eine aufwändige Diagnostik notwendig. Diese reicht von einer allgemeinen klinischen Untersuchung (mit möglichst umfangreichem Vorbericht durch den Tierhalter!) bis hin zu apparativen Untersuchungen wie Laboruntersuchungen (Blut, Mikrobiologie etc.) Strahlendiagnostik (Röntgen, CT, MRT ) oder Sonographie (Ultraschall). Der behandelnde Tierarzt wird die Methoden wählen, die eine möglichst genaue Diagnose ermöglichen. Je besser die Diagnose, umso besser wird dann auch die Therapie sein!
Im Falle der posthibernalen Anorexie kommen insbesondere Untersuchungen des Blutes, sowie Röntgendiagnostik und/oder Ultraschalluntersuchungen in Frage.

fangen sie nicht sofort zu fressen an.

7. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?
Ziel der Therapie ist die Wiederherstellung der „normalen“ Stoffwechselfunktionen. Dazu gehören in der Regel angepasste Infusionen und Injektionen. Bei fortdauernder Anorexie kommt auch das operative Legen einer Magensonde zur Ernährung in Betracht. Diese Schlauchsonde wird seitlich am Hals in die Speiseröhre eingebracht und bis in den Magen geschoben. Die Ernährung wird täglich nach Anleitung vom Besitzer vorgenommen. Mitunter kann es mehrere Wochen dauern, bis wieder eine selbstständige Futteraufnahme erfolgt und die Sonde entfernt werden kann.

8. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?
Im Allgemeinen sind die Aussichten auf eine vollständige Genesung der betroffenen Tiere als gut zu bezeichnen. Dies gilt allerdings nur dann, wenn keine weiteren Grunderkrankungen festgestellt werden bzw. keine Folgeerkrankungen auftreten. Deshalb ist die tierärztliche Kontrolle während des Krankheitsverlaufes besonders wichtig!

Aber ab wann besteht Grund zur Sorge? Fotos: L. Prauser

9. Was kann ich tun, um in Zukunft eine solche posthibernale Anorexie zu verhindern (Prophylaxe)?
Die wichtigste vorbeugende Maßnahme ist die sachgerecht durchgeführte Winterstarrre (Hibernation). Dabei ist schon auf die richtige Vorbereitung zu achten!
Nur gesunde Tiere werden den Winter ohne größere Probleme überstehen. Im Zweifel sollte ein Tier v o r der Einwinterung einem spezialisierten Tierarzt vorgestellt werden. Eine Gewichtskontrolle während der Hibernation ist sinnvoll! Schließlich muss darauf geachtet werden, dass die Auswinterung so erfolgt, dass der Stoffwechsel der Schildkröten sich ohne zusätzliche haltungsbedingte Belastungen auf die sommerliche Aktivitätsphase umstellen kann.

Frank Mittenzwei, Tierarzt (Reptilien)
Am Pflaster 27
63599 Biebergemünd-Bieber
Telefon: 06050-3300
Mail: tieraerzte_mittenzwei_selzer@web.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

 

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