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Nachgefragt beim Tierarzt: Sepsis

Veröffentlicht am | März 15, 2012 | 1 Kommentar

Sepsis während oder kurz nach der Winterstarre ist eines der ganz großen Sorgen-Themen für Schildkrötenhalter. Tierarzt Frank Mittenzwei gibt in dieser Folge der Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ Basisinformationen zu dieser Infektionserkrankung:

 

1. Was ist eine Sepsis?
Unter einer Sepsis versteht man grundsätzlich eine Infektion des gesamten Organismus (Körpers) durch Erreger oder deren Abbauprodukte (Toxine). Je nach Schwere der Erkrankung kommt es zu Organversagen und Tod.

2. Wie entsteht eine Sepsis, wodurch wird sie verursacht?
Auslöser einer Sepsis sind bei Schildkröten in der Regel primäre oder sekundäre Infektionen mit verschiedenen Bakterien. Dabei handelt es sich häufig um solche, die auch natürlicherweise, z.B. im Magen-Darm-Trakt, vorkommen. Durch Verschieben des Gleichgewichts der Bakterien-Flora können einzelne Arten überhand nehmen und unter bestimmten Bedingungen (z.B. Abwehrschwäche des Organismus) zu einer Sepsis führen.

3. Woran erkenne ich, ob meine Schildkröten eine Sepsis haben (Symptome)?
Häufig werden allgemeine Schwäche (Apathie), geschlossene Augen, schlaffe Gliedmaßen sowie Rotfärbungen des Panzers bemerkt. Eventuell befindet sich rötlich gefärbte Flüssigkeit unter der obersten Panzerschicht.

4. Welche Ursachen/Erkrankungen können außer einer Sepsis zu ähnlichen Symptomen führen? Wie kann ich das unterscheiden?
Bei einigen Schildkröten kommt es während der Winterstarre (Hibernation) zu sepsis-ähnlichen Erscheinungen. Diese kann sich durch Rotfärbungen und Flüssigkeitsansammlungen im Bereich des Panzers äußern. In der Regel verschwinden diese Symptome aber innerhalb weniger Tage von allein. Auch wirken die Tiere nicht apathisch oder schlaff. Eine genaue Unterscheidung kann nur ein spezialisierter Tierarzt treffen.

Typische Rotfärbung des Bauchpanzers bei einer T. hermanni, Foto: Conny Fischer

5. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen?
Verdächtige Tiere sollten umgehend einzeln in sauberen Behältnissen (z.B. Plastikwannen) gehalten werden. Alle Ausscheidungen sollten kontrolliert werden und gegebenenfalls für weitere Untersuchungen gesammelt werden. Eine tägliche Dokumentation des Körpergewichtes kann wertvolle Hinweise auf den Krankheitsverlauf geben.

6. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Ein spezialisierter Tierarzt sollte umgehend aufgesucht werden. Adressen finden sich bei den jeweiligen Landestierärztekammern (www.tieraerztekammer.de ) oder auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde, DGHT (www.dght.de). An Wochenenden oder Feiertagen sollte mindestens ein telefonischer Kontakt erfolgen.

7. Wird eine Sepsis bei einer Kontrolle während der Winterstarre festgestellt, ist es dann ratsam die Schildkröte weiterhin kühl zu halten bis zum Tierarztbesuch oder sie langsam aufzuwärmen?
Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden (s.o.) In erster Linie sind hier die Erfahrungen aus den Vorjahren zu berücksichtigen. Kommt neben den Symptomen einer Sepsis noch ein deutlicher (>5%) Gewichtsverlust hinzu, sollte das Tier auf jeden Fall über einen Zeitraum von wenigen Tagen aufgeweckt werden. Je schneller der physiologische Stoffwechsel wieder in Gang kommt, desto größer sind die Chancen auf eine Erholung.
Das genannte Vorgehen sollte aber immer erst nach Rücksprache mit einem spezialisierten Tierarzt erfolgen!

8. Wie wird eine Sepsis vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?
Bei Reptilien ist immer eine aufwändige Diagnostik notwendig. Diese reicht von einer allgemeinen klinischen Untersuchung (mit möglichst umfangreichem Vorbericht durch den Tierhalter!) bis hin zu apparativen Untersuchungen wie Laboruntersuchungen (Blut, Mikrobiologie etc.), Strahlendiagnostik (Röntgen, CT, MRT ) oder Sonographie (Ultraschall). Der behandelnde Tierarzt wird die Methoden wählen, die eine möglichst genaue Diagnose ermöglichen. Je besser die Diagnose, umso besser wird dann auch die Therapie sein!
Im Falle einer Sepsis gehören insbesondere Blut- und Röntgenuntersuchungen, sowie eine mikrobiologische Untersuchung zu den (Diagnostik-)Mitteln der Wahl.

9. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?
Je besser die Diagnose, umso besser ist die Therapie! Je nach den Befunden werden unterstützende Maßnahmen (z.B. Infusionen, Injektionen) angewendet. Die Erhaltung bzw. Erholung der Organfunktionen stehen hier an erster Stelle! Eine Anwendung von Antibiotika kommt nur nach einer Labor-Analyse (Keim-Bestimmung incl. Antibiogram) der Bakterien in Frage.

10. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?
Der Therapie-Erfolg hängt in erster Linie von den Organ-Funktionen ab.
Bei Verbesserung der Vitalfunktionen innerhalb weniger Tage kann mit einer vollständigen Regeneration gerechnet werden.

Drei Wochen später dasselbe Tier nach Behandlung, Foto: Conny Fischer

11. Was kann ich tun, um in Zukunft eine solche Sepsis zu verhindern (Prophylaxe)?
Nach dem heutigen Wissensstand spielt insbesondere das Baden zur Darmentleerung vor der Winterruhe eine besondere Rolle bei der Entstehung der Sepsis. Durch diesen Vorgang (- der in der Natur übrigens so nicht vorkommt-) verschiebt sich das Gleichgewicht der Darm-Keime. Es scheint daher naheliegend, dass sich dann solche Bakterien extrem vermehren können, die in diesem wässerigen Milieu besser zurrecht kommen, als z.B. Cellulose verdauende Bakterien. Diese wiederum sind für die Verdauungsvorgänge bei herbivoren (pflanzenfressenden) Schildkröten überlebenswichtig – und werden ja auch im Frühjahr sofort wieder benötigt!
Statt intensivem Baden muss bei Schildkröten, die sich auf die Winterruhe vorbereiten, auf eine ausreichende Wasseraufnahme geachtet werden. Die Harnblase übernimmt bei diesen Tieren die Funktion eines Wasserspeichers. Im Laufe der Winterruhe kommt es zu einem ständigen Entzug von Wasser aus der Blase zur Aufrechterhaltung des Wasserhaushaltes. Gleichzeitig entstehen Harnsäureprodukte, die sich immer mehr in der Blase ansammeln. Es ist sehr wichtig, dass Schildkröten direkt vor der Winterruhe ihre Blase nicht entleeren! Dies kann z.B. bei Stress durch Transport oder auch beim Wiegen geschehen. Bei solchen Tieren sollte die Winterruhe entweder verkürzt erfolgen oder sogar gänzlich darauf verzichtet werden!
Neben den richtig durchgeführten Vorbereitungen im Herbst kann auch ein Gesundheits-Check bei einem spezialisierten Tierarzt das Erkrankungsrisiko während oder kurz nach der Winterruhe senken.

Frank Mittenzwei, Tierarzt (Reptilien)
Am Pflaster 27
63599 Biebergemünd-Bieber
Telefon: 06050-3300
Mail: tieraerzte_mittenzwei_selzer@web.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

 

Kommentare

Eine Antwort to “Nachgefragt beim Tierarzt: Sepsis”

  1. Kurt Schaller
    18. März, 2012 @ 17:13

    Ich bin nicht der Meinung dass eine Antibotikabehandlung erst nach der Erregerbestimmumg und dem Antbiogramm einsetzten sollte. Bei einer schweren Sepsis sollte m.E. sofort mit einem Breitbandantibiotikum behandelt werden, zumal die Erreger in einem hohen Prozentsatz immer die gleichen sind. Meist dauert die Bestimmumg viel zu lange und die SK ist vor dem Behandungsbeginn schon sehr geschwächt. Parallel dazu kann ja dann die Resistenzbestimmung durchgeführt und bei Bedarf das Antibiotikum gewechselt werden.
    Wie gesichert ist die These, dass das Baden vor der WS eher schadet ?
    Gruß Kurt

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