Eine Wiese bei Galovac

…Ein Seitenweg führt mich zwischen kniehohem Gestrüpp von der Straße weg hinein in die Macchia Dalmatiens, aber der Weg scheint unergiebig. So wie der vorangegangene und auch der davor. Alles, was ich finde sind ein paar Eidechsen, die aufgeregt davonhuschen, wenn sie mich bemerken. Auch von den großen Panzerschleichen, die mich begeistern, ist nichts zu sehen. Kein Scheltopusik weit und breit, dabei hatte es geheißen, diese eindrucksvollen Tiere könne man hier in Hülle und Fülle finden. Von wegen.

Seit Stunden streife ich suchend kreuz und quer durch das vormals verminte Gebiet zwischen Galovac und Gorci, dort, wo 1991 bis 1995 der Kroatienkrieg wütete, als ein Teil der serbischen Bevölkerung dort die Republik Serbische Krajina ausgerufen hatte.
Noch heute sind die Spuren des Krieges im Land zu sehen – freilich nicht in den Urlauberregionen an der Küste, doch das Hinterland trägt tiefe Narben. Landstriche, die regelrecht entvölkert waren, finden nur langsam Anschluss an den Rest Kroatiens. Viele Häuser stehen leer, einstige Industrieanlagen liegen brach. Der Natur tut es gut – in diesen „Schutzzonen“ haben viele Tiere ihre Nischen… so auch Schildkröten.
In der Ferne leuchten die Zinnen des Velebit-Gebirges, die wohl jeder kennt, der jemals die Karl-May-Filme der 60er Jahre gesehen hat.

Auch der berühmte Zramanja Canyon ist nicht weit. Auch er zählte einst zu den Winnetou-Drehorten, war danach Pilgerstätte deutscher Jugoslawien-Touristen, bis der Krieg kam. Der ist nun lange vorbei, vereinzelt tauchen deutsche Urlauber auf, die nach den Spuren der einstigen Apachen-Pueblo- Kulisse suchen – und Wanderer, Naturfreunde, Kanuurlauber und eben Schildkrötensucher. 
Ein gewisses Unbehagen beschleicht mich allerdings, wenn ich die alten Minenwarnschildersehe, aber ich denke mir, so lange ich auf den Feldwegen bleibe, die vor mir ganz offensichtlich von Fahrzeugen befuhren wurden, wird schon nichts passieren… auch nicht hier bei den abgelegenen Orten im Hinterland. Nur ist das so eine Sache. Selten habe ich Schildkröten auf den Wirtschaftswegen gefunden, meistens musste ich links und rechts den Trampelpfaden folgen und wurde dort fündig. Nun heißen Trampelpfade nicht umsonst so – irgendwer wird vor mir einher getrampelt sein, sonst gäbe es den Pfad nicht. Und wenn die dort laufen konnten, dann kann ich das auch. Minenwarnung hin oder her…

Der Boden ist steinig, so müssen Schildkrötenhabitate aussehen – zumindest in der Vorstellung mancher Halter, wenn man sich Fotos von deren Gehegen anschaut. Allein: Ich finde nicht eine einzige Schildkröte, auch nicht, nachdem ich geraume Zeit zwischen Steinen und Sträuchern umhergestreift bin.
Mein Glück werde ich an anderer Stelle machen:  Auf einer wenige Meter breiten Wiese mit lehmigen Untergrund, dort, wo im Frühjahr ein kleiner Bach Wasser führt, aber der ist natürlich im Sommer verschwunden.

Ein Blick auf das Google-Luftbild zeigt sehr eindrucksvoll die unterschiedliche Beschaffenheit der Landschaft auf engem Raum.

Links oben, direkt an der Straße, ist ein landwirtschaftlicher Betrieb zu sehen, östlich davon sehr schmal und lang gezogen die besagte Wiese, die der Länge nach von einem wenige Meter breiten Streifen aus Buschwerk geteilt ist.

Bild: Google Maps

Und genau in diesen Büschen finde ich sie: Schildkröten. Viele Schildkröten, es müssen weit mehr als zwei Dutzend sein. Alle paar Meter sitzen sie unter den Zweigen im Schatten, denn die Sonne brennt heiß, das Thermometer nähert sich an diesem Junitag 2015 der 40°C Grenze.
Deutlich ist die Senke zu sehen, in der im Frühjahr Wasser talwärts rinnt, es ist der typische rotbraune Lehmnoden Kroatiens.

Ich finde es sehr erstaunlich und bemerkenswert, eine solche Vielzahl an Tieren auf sehr engem Raum zu finden, die meisten in dem schmalen Gebüsch-Streifen, und nur wenige Meter weiter, auf dem steinigen Boden unter den Sträuchern kein einziges mehr.

Immer wieder kommen Tiere aus dem Schatten hervor, streifen über die Wiese, beißen mal hier, mal dort ein Kleeblatt ab, bevor sie sich wieder in den Schatten zurückziehen. Das Ganze geschieht mit großer Ruhe, ohne Eile, ohne hektische oder schnelle Bewegungen.
Und mit der gleichen Ruhe suche ich mir einen Platz auf der Wiese, deponiere meinen Rucksack und die Fototasche und werde Schildkröten beobachten.

Ein Pärchen begegnet sich, doch das Männchen zeigt keinerlei Interesse an dem Weibchen. Die Paarungszeit ist vorbei – und zu heiß ist es auch.
Tage wie dieser entschädigen die vielen erfolglosen Suchen nach Schildkröten, die schweißtreibenden Wanderungen, die von Disteln und Dornen aufgeritzten Unterschenkel, weil ich wieder besseres Wissen mal wieder nur in Shorts unterwegs war.

Im Verlauf dieses Urlaubs werde ich zu dieser Wiese zurückkehren und hunderte von Fotos machen…
Wieder führen mich der Hin- und der Rückweg zum Auto durch das steinige Gelände. Von Schildkröten ist hier weit und breit nichts zu sehen.
Warum überrascht mich das nicht?

1 Kommentar


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