Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 50)

Unsere nächste Schildkröte führt uns nach Erfurt. In der wunderschön restaurierten Altstadt lassen sich viele „tierische“ Hausfassaden bewundern.
Und bei unserem Streifzug entdecken wir natürlich auch eine Schildkröte.
Genaugenommen sind es sogar zwei…!

Am Nordrand des Fischmarktes steht das berühmte Bürgerhaus, genannt „Haus zum breiten Herd“.
Es wurde im Stil der Renaissance 1584 im Auftrag des Stadtvogts und Ratsmeisters „Heinrich von Denstedt“ errichtet und ist wahrscheinlich das prächtigste Haus am Platz.

Von weitem schon erkennt man es an seiner rötlichen Farbe und einer Fahnen tragenden Gestalt auf der Spitze des obersten Giebels – hier wird ein Landsknecht dargestellt.
Das ganze Haus ist, wie in der Renaissance üblich, reich verziert. Viele Figuren, Gaffköpfe, Voluten und farbige Ornamente schmücken die einzelnen Etagen. Geflügelte Fantasiegestalten und engelhafte Wesen zieren die Treppengiebel.
In der Höhe des ersten Stocks befindet sich ein farbiges Fries, auf dem die fünf Sinne des Menschen figürlich und sehr detailgetreu gezeigt werden (nach Vorlagen von Frans Floris, ein flämischer Maler, 1517-1570).

Jeweils eine Frauengestalt, mit entsprechenden Attributen ausgestattet und einem Tier zugeordnet, charakterisiert einen der fünf Sinne.
Von links nach rechts erkennen wir:

  • das Sehen – Visus – dargestellt durch einen Adler und einen Spiegel
  • das Hören – Auditus – dargestellt durch einen Hirsch, einer Laute und weiteren Musikinstrumenten
  • das Riechen – Odoratus – dargestellt durch einen Hund und eine Blumenschal
  • das Schmecken – Gustus – dargestellt durch einen Affen, einen Weinkelch und Schalen voller Obst
  • und zum Schluss das Fühlen – Tactus – dargestellt durch eine Taube und eine Landschildkröte mit einem goldenen Panzer. Sie symbolisiert diesen Sinn perfekt, denn bei Erschütterungen zieht die Schildkröte sich in ihren Panzer zurück.

Überwältigt von dieser Farben- und Darstellungsvielfalt, nicht nur von dem „Haus zum breiten Herd“, sondern von dem gesamten Fischmarkt und seinen Bauten, streifen wir weiter durch Erfurt’s Altstadt.
Und zufällig gelangen wir in die Michaelisstraße, in der wir eine weitere, moderne Schildkröte, entdecken. Sie schmückt eine Genusshandlung, wird „Hildi“ genannt und steht für die „Slow Food“ Ausrichtung dieses Geschäftes. Aber das sollte jeder für sich entdecken!

Und für alle, die sich dafür interessieren – das „Haus zum breiten Herd“ wurde auch auf einer Medaille, anläßlich seines 400-jährigen Bestehens (1584-1984), verewigt. Auch hier wird das Haus relativ detailgetreu dargestellt, wobei die Einzelheiten aufgrund der Medaillengröße nicht zu sehen sind. Sie wurde vom Kulturbund der DDR herausgegeben und der Medailleur heißt Helmut König.

 

Text und Fotos: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

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