Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 49)

Willkommen zum fünften Jahr der Schildkrötensafari, die in diesem Jahr in Leipzig startet.
Und unsere 49. Folge beginnt wie ein Märchen…!

Es war einmal, vor sehr langer Zeit, als meine Mutter eine Folge der Fernsehserie „In aller Freundschaft“ anschaute, und dort eine Schildkröte aus Stein, neben einer großen breiten Treppe entdeckte.
Natürlich erzählte sie mir davon, aber so richtig glauben konnte ich es nicht – nirgendwo war ein Hinweis darauf zu finden. Aber mein Interesse war sofort geweckt.

Irgendwann wurde diese Folge wiederholt und meine Mutter sah die Schildkröte erneut. Erwähnt wurde in diesem Zusammenhang das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.
Viele weitere Details konnte sich meine Mutter merken, aber auch diesmal fand ich keine näheren Angaben über den Aufenthaltsort der Steinschildkröte.
Und so blieb uns nichts anderes übrig, als nach Leipzig zu fahren, um sie zu suchen.
Und genau das war es auch, eine Suche!

Unser erstes Ziel war natürlich das Bundesverwaltungsgericht. Dort trugen wir unser Anliegen vor und wurden mit amüsierten Blicken abgewiesen und in das gegenüberliegende Gebäude, dem Landgericht, geschickt.
Auch dort erzählten wir von unserer Suche, durften sogar die Treppen und Flure betrachten, aber die Schildkröte war nirgends zu entdecken.
So langsam zweifelte ich… !
Meine Mutter war jedoch weiterhin sicher, diese Schildkröte gesehen zu haben.

War die Schildkröte doch nur eine Requisite und die Treppe ein fiktiver Ort?

Enttäuscht begaben wir uns zurück auf den Weg in die Innenstadt und kamen zufällig an dem großen Eingangsportal des „Neuen Rathaus“ am „Martin-Luther-Ring“ vorbei.
Irgendetwas zog mich magisch an, und wir betraten das Gebäude und standen in einer großen Halle, der sogenannten „unteren Wandelhalle“.
Wir schauten uns um, und plötzlich sprudelte meine Mutter über vor Freude, denn vor uns war sie – die prachtvolle breite Treppe aus der Fernsehserie mit ihren rötlichen Granitstufen. Und natürlich entdeckten wir auch die Steinschildkröte!

Das „Neue Rathaus“ in Leipzig wurde von 1899 – 1905 nach den Plänen von „Hugo Licht“ (1841-1923, Architekt und Stadtbaurat von Leipzig) im Stil des Historismus erbaut. Ursprünglich stand an dieser Stelle die mittelalterliche Pleißenburg.
Viele Tier- und Fabelwesen schmücken die Fassaden und auch das Innere, wie zum Beispiel die Haupttreppe, die die untere Wandelhalle über ein Zwischengeschoß mit der oberen verbindet.

Und hier auf dem Zwischengeschoß, seitlich der Treppe, befindet sich die Schildkröte. Eine große Landschildkröte, die eine Kugel (Erde?) auf ihrem Panzer trägt. Auf der gegenüberliegenden Seite
befindet sich ein Gürteltier, ebenfalls mit einer Kugel auf dem Rücken. Beide Lebewesen sind sehr detailgetreu dargestellt.

Diese prachtvolle Steintreppe wurde aus grauem „Schnöllkalkstein“, der oft auch als Marmor bezeichnet wird, gefertigt.
Neben vielen menschlichen Darstellungen (zum Teil Putten sehr ähnlich) können wir unzählige weitere Tiere und Fabelwesen ausmachen.
Wir entdecken u.a. ein Krokodil, Insekten, Fische, Vögel, ein Affe, Blüten, Blätter, eine Meerjungfrau und sogar noch eine weitere Landschildkröte. Sie wird von der Seite dargestellt und ist im unteren Treppengeländer zu finden. Die Vielfalt hält unseren Blick gefangen und löst ein wahres Glücksgefühl aus!

Die Innengestaltung des Rathauses übernahm der Münchner Bildhauer „Georg Wrba“ (1872-1939).
Er verknüpfte Kunstelemente der Renaissance, mit denen des Barock und des Jugendstils, so dass ein wirkliches Kunstwerk entstand!

Die Schildkrötensafari 2018 möchte ich meinem „Schildkrötenfreund“ Roger Facy aus Paris widmen, der im November 2017 plötzlich verstarb. Er war ein einzigartiger Schildkrötensammler und ein wahrer Freund. Über 15 Jahre kannten wir uns und waren durch unsere gemeinsame Leidenschaft miteinander verbunden.
Viele der diesjährigen Schildkrötendarstellungen durfte er nicht mehr sehen – dabei freute er sich so sehr darauf.
Auch er begeisterte sich für die Schildkrötendarstellungen im öffentlichen Raum und suchte oftmals unermüdlich.
Wir „verarbeiteten“ unsere Funde jedoch unterschiedlich. Roger fertigte private Postkarten an und pinnte jeden einzelnen Fund mit einem Fähnchen auf „seinem“ Schildkröten – Google Earth.
Und ich begann die Schildkrötensafari zu schreiben.
Viele der kommenden Darstellungen, gerade in Frankreich, wurden von ihm entdeckt.
Jede einzelne Entdeckung war für ihn ein Highlight – seine oftmals kindliche Freude darüber, werde ich nie vergessen.
Schon jetzt vermisse ich unseren geistigen Austausch sehr!

Ruhe in Frieden!

 

Text und Fotos: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

4 Kommentare


  1. Liebe Frau Wallrapp,
    … eine hübsche Geschichte und wieder sehr gut recherchiert. Vielen Dank! War zwar 2017 auch in Leipzig, u.a. fündig in Sachen Schildkröten in der Kunst ( im Grassi-Museum, im Museum für Bildende Künste, im Graphischen Atelier/Spinnerei) und natürlich im sehr guten Zoo. Am Bundesverwaltungsgericht entdeckte ich zwar ein hübsche Bronze-Schnecke, aber ins Rathaus fand ich nicht. Sehr interessieren würde mich gelegentlich ein eigener kleiner Bericht über den „einzigartigen Schildkröten-Sammler“ Roger Facy.
    Herzlichen Gruß
    Klaus Lurati


  2. Vielen lieben Dank für die netten Kommentare – ich freue mich sehr darüber!

    Es ist immer wieder schwierig die richtigen Bilder auszuwählen. Auch habe ich nur eine kleine Digitalkamera, die oft an ihre Grenzen stößt (wie in diesem Fall bei den Innenaufnahmen). Hier sollte die Größe der Treppe gezeigt werden.
    Die beiden Schildkröten sind auf dem Treppenbild im einzelnen nicht zu sehen. Die figürliche Landschildkröte ist auf dem Zwischengeschoss zu finden, allerdings auf der linken Seite der Treppe.
    Die Landschildkröte im Geländer befindet sich auf der gezeigten Seite zwischen den beiden „Pfeilern“, allerdings sehr unscharf.
    Liebe Hannelore, ich schicke Ihnen noch zwei Bilder separat zu. Auf diesen Fotos werden Sie dann mehr sehen können.
    Liebe Grüße Elke


  3. Das ist mal wieder ein toller Bericht! Auf dem Foto mit der Treppe suche ich vergeblich die Schildkröte und bin für einen Hinweis dankbar. Auch Vergrößern und Aufhellen hat mir nicht geholfen.


  4. Herzlichen dank liebe Elke Wallrapp, die Berichte sind immer wunderbar zu lesen.
    Zumal der Ausflug diesmal nach Leipzig, in meine Heimatstadt führte, war meine Begeisterung sehr groß.

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