Ein Wort wie eine Bombe

Vor einigen Wochen wurde auf dieser Seite ein Beitrag über Winterstarre veröffentlicht. Ein paar persönliche Anmerkungen von Lutz Prauser – unter anderem auch über die Frage, ob Winterstarre einen Aggregatszustand beschreibt oder nicht. Autorin Gunda Meyer des Rojas, die im Sommer ein Buch über die Überwinterung von Europäischen Landschildkröten veröffentlicht hat, hat sich zu diesem Thema ganz wunderbare Gedanken gemacht und auf ihrer Website veröffentlicht. Mit ihrer Zustimmung veröffentlichen wir den Beitrag hier noch einmal:

Werfen Sie einmal das Wort „Winterruhe“ in eine Facebook-Schildkrötengruppe oder in ein Schildkrötenforum.
WUMMM!
Innerhalb von Minuten werden die schönsten und sinnvollsten Diskussionen zerschossen. Ein Nebenschauplatz öffnet sich, in dem es einzig und allein um die richtige Wortwahl geht. Wichtige Aufklärungsarbeit über den Unterschied zwischen Winterruhe, Winterschlaf und Winterstarre wird geleistet. Schildkröten halten WINTERSTARRE! Basta.
Wie? Sie mögen diesen Begriff nicht besonders? Dann haben Sie wohl zu viel veterinärmedizinische oder wissenschaftliche Fachliteratur gelesen, in der der Begriff „Winterstarre“ im Zusammenhang mit Schildkröten nicht besonders konsequent verwendet wird. Vergessen Sie’s! Wikipedia, populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur oder Webseiten für Grundschulkinder wissen es ja wohl besser!

Da fragt man sich, ob Schildkröten in anderssprachigen Ländern, in denen es einfach nur „Hibernation“ heißt, überhaupt sachgerecht überwintert werden können. Wahrscheinlich werden die armen Panzerträger dort ständig mit Eichhörnchen verwechselt. Und vor der Überführung ins Winterquartier bekommen sie eine Extraportion Gänsebraten, damit sie auch ja genügend Speck ansetzen.

Bekanntlich zeichnet sich unsere deutsche Sprache durch Genauigkeit aus. Denn eine exakte Ausdrucksweise ist erforderlich, um Missverständnissen vorzubeugen. Folglich kann nur das Wort Winterstarre die richtige Wahl sein. Oder???
Möglicherweise haben Sie beobachtet, dass Landschildkröten während der gesamten Hibernation kaum jemals völlig starr sind (im Gegensatz zu einigen Fischen und Amphibien, auf die der Begriff passen würde). Sie folgen stets einer optimalen Bodentemperatur, indem sie sich nach oben und nach unten graben. Bei Gefahr oder Störungen kehren sogar die Lebensgeister zurück und die Tiere sind in der Lage, Fressfeinden auszuweichen. Trotz ihrer angeblichen Erstarrung laufen sie dann sogar bei Bodenfrost herum.
Es handelt sich sozusagen eine unstarre Starre, eine Bewegungsstarre.
Halt! Stop! So genau wollen wir es auch wieder nicht wissen. Da drücken wir einfach mal die Augen zu.
Apropos Augen…
Besonders seltsame Blüten treibt das Wort Starre, wenn das entsprechende Verb gebildet wird. Überwinternde Landschildkröten ruhen nämlich nicht und sie schlafen nicht. Richtig. Sie starren! Unter diesem Wort habe ich mir bisher immer etwas anderes vorgestellt. Aber wer weiß schon, was unsere Schützlinge unterirdisch so treiben? Gerade heute habe ich die besorgte Anfrage einer Schildkrötenbesitzerin gelesen, ob sie denn mit offenen oder geschlossenen Augen starren.

In einem Forum fragte kürzlich eine Halterin, ob es normal sei, dass ihre Schildkröte sie im Kühlschrank mit großen Augen anschaue. Ein kluger Kopf liefert die überzeugende Antwort: „Ich hatte hier mal gelesen, dass es durchaus normal ist, wenn einen die Schildkröten angucken. Darum heißt es ja nicht Winterschlaf sondern Winterstarre.“

Na bitte. Wenn das kein Beweis ist!

Der Beitrag erschien zuerst auf der Website der Autorin und wird hier mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung erneut veröffentlicht. Alle Rechte bei Gunda Meyer de Rojas.

4 Kommentare


  1. Es ist alles Definitionssache.
    Ob Wortklauberei oder stundenlange Erklärungen in einem Wort ausgedrückt werden. Wenn ich“ Starre“ sagen weiß jeder dass kein Eichhörnchen gemeint sein kann. In der Medizin spricht man übrigens von Rigidität und Rigor. Das trifft die Sache auf den Punkt.
    Warum fährt ein Heißluftballon ? Wirf mal in einer Runde Heißluftballonfahrer den Satz“ ihr fliegt ja ganz schön hoch“ hin. Was dann passiert, da ist die Diskussion um die Starre ein Krippenspiel. ;-))


  2. Ich frage mich, ob Gunda Meyer de Rojas schon mal mit US-Amerikanern auf „hibernation“ angesprochen hat. Das kann nämlich auch zu wilden Diskussionen führen – „hibernation“ ist falsch, das machen Säugetiere; für Reptilien ist der korrekte Ausdruck „brumation“. Mal ganz davon abgesehen, dass viele Leute dort ihre Schildkröten sowieso das ganze Jahr über wachhalten, denn hibernation/brumation sei doch zu riskant und sowieso unnötig. Zitat Chris Leone, Betreiber von hermannihaven.com: „In über 20 Jahren Arbeit mit diesen Tieren haben wir keine Abnahme des Zuchtverhaltens oder der Fruchtbarkeit beobachtet, wenn wir unseren Schildkröten nicht erlauben, zu überwintern.“


  3. Ansich lese ich hier ganz gerne, doch diese Wortklauberei ist für mich sowas von Zeitverschwendung. Ob nun meine Kröten starren, schlafen, ruhen oder sonst was. Fakt ist sie dürfen bei mir abtauchen wie sie es für richtig halten und gut ist.
    Ich glaube denen ist das auch sowas von egal wie wir das nennen, hauptsache wir lassen sie in Ruhe schlafen. Ach sorry, starren oder doch lieber ruhen? Egal.


  4. …. super geschrieben und für ein Grinsen im Gesicht gesorgt :). Danke für den Beitrag Gunda :).

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