Winterstarre Europäischer Landschildkröten – persönliche Anmerkungen

Wer mehr oder weniger regelmäßig die Diskussionen und die Hilferufe in den sozialen Medien zum Thema Winterstarre Europäischer Landschildkröten verfolgt, dem fällt vermutlich auf, das Sorge, Angst und Verunsicherung eher zu- statt abnehmen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ein paar grundlegende Fakten, was Winterstarre eigentlich ist, gerade bei Neueinsteigern noch nicht vorhanden sind und sie sich mit der Biologie der Tiere nur wenig auseinandergesetzt haben.

Fragen wie „Meine Schildkröte hat noch nie Winterschlaf gehalten, ich hoffe sie lernt das noch, oder?“ und „Meine Schildkröte will nicht pennen, sie will sich nicht eingraben, was soll ich tun?“ stehen exemplarisch dafür. Dazu kommt ganz oft die Sorge, die Tiere würden, jetzt, da sie das Fressen eingestellt, verhungern.


Es gibt zwei sehr ausführliche und sehr gute Bücher über Winterstarre (eines von Gunda Meyer de Rojas und eines von Thorsten Geier), in der solche Fragen beantwortet ausführlich werden. Ich habe bei solchen Diskussionen allerdings oft den Eindruck, dass diese Bücher nach wie vor viel zu selten gekauft und gelesen werden. Bei manchen Diskussionen frage ich mich: Warum investieren die Fragensteller nicht einfach in einen Ratgeber und lesen ihn, statt stundenlang in den sozialen Netzwerken unterwegs zu sein und einen Hilferuf nach dem nächsten loszulassen und sich selbst und anderen, die Hilfe zu geben bereit sind, die Zeit zu stehlen? Wer liest, ist klar im Vorteil und damit wäre allen geholfen. Vor allem den Tieren.

Oft fehlt es den Teilnehmern an Courage, die Tiere in die Winterstarre zu entlassen, oft suchen sie eine hochdetaillierte Gebrauchsanweisung, um nur ja alles richtig zu machen und sind völlig hilflos, wenn sie die angeblich notwendigen exakten und konstanten 4°C Kühlschranktemperatur nicht hinbekommen oder kein Buchenlaub finden, was ja nicht nur angeblich das beste überhaupt ist, sondern bisweilen als das einzig wahre bezeichnet wird. Und oft fehlt es an dem Grundverständnis, was Winterstarre ist und wie der Organismus ihrer Schildkröte funktioniert.
Ein Schelm, wer jetzt über reihenweise Verstöße gegen §2 des Deutschen Tierschutzgesetzes, nach dem jeder Halter über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen muss, wenn er ein Tier sein eigen nennt, sinniert.

Das Nachfolgende entstammt einigen meiner Antworten auf Facebookdiskussionen. Da längere Antworten dort kaum mehr gelesen werden (mein subjektiver Eindruck), nutze ich diese Seite. Vielleicht liest es ja hier wer…
Es soll ein wenig zum Grundverständnis, was Winterstarre überhaupt ist, beitragen und dafür werben, sich intensiver mit seinen Schützlingen auseinanderzusetzen, Gundas oder Thorstens  Buch (oder gleich beide) zu kaufen und zu lesen. Die Tiere haben es verdient, dass man sie richtig hält, und die Halter können sich manche Sorge sparen, wenn sie ein wenig mehr Verständnis darüber haben, was bei der Winterstarre wechselwarmer Tiere eigentlich passiert – und was nicht.

Ein paar sehr knappe, grundsätzliche Informationen:

Schildkröten agieren nicht aktiv, sie reagieren – und zwar, weil sie es gar nicht anders können!
Winterstarre an sich ist kein Vorgang den Schildkröten (kennen) lernen müssen. Er ist zunächst nicht einmal ein instinktgesteuerter Prozess, den die Tiere von sich aus einleiten, sondern vor allem abhängig von den sich ändernden Umweltbedingungen, dem Absinken der Umgebungstemperaturen und der sich verändernden Lichtverhältnisse. Da es sich um wechselwarme Tiere handelt, die keine eigene Körperwärme erzeugen, reagieren alle Europäischen Landschildkröten zwangsläufig auf das Fallen der Umgebungstemperaturen.
Man kann sich das etwa so vorstellen, wie bei einem Auftrieb eines Heißluftballons. Stellt der Ballonfahrer die Flamme aus, steigt keine heiße Luft mehr in die Ballonhülle, der Ballon sinkt automatisch immer tiefer. Auch er „kann“ gar nicht anders – das ist ein rein physikalischer Vorgang.
Ähnlich ist es bei Schildkröten. Wenn die Umgebungswärme immer niedriger wird, hat das zur Folge, dass im Organismus eines wechselwarmen Tieres die Körperfunktionen (Nahrungsaufnahme, Stoffwechsel, Bewegung, Herz- und Atemfrequenz) sich immer weiter und weiter reduzieren. Das ist allerdings keine aktive Reaktion, die verstandes- oder instinktgesteuert ist, das ist eher vergleichbar mit dem Schwitzen eines Menschen, wenn er zu großer Wärme ausgesetzt ist. Auch das lässt sich nicht willentlich steuern (abgesehen davon, dass man sich bewusst der Wärme aussetzt oder sich ihr entzieht).
Kurz gesagt: Je kälter es wird, umso inaktiver wird ein wechselwarmes Tier. Das geht soweit, dass sie bei Temperaturen an der Frostgrenze in der Winterstarre Europäische Landschildkröten nur etwa 1x pro Minute ein wenig atmen.

Schildkröten müssen Winterstarre nicht lernen – sie müssen die Gelegenheit dazu haben!
Schildkröten müssen nicht lernen, in die Winterstarre zu gehen. Sie können das auch nicht verlernen, denn ihr Körper hat gar keine andere Wahl, als auf stetig sinkende Temperaturen anders zu reagieren als mit der Reduktion der Körperfunktionen. Es ist völlig egal, ob es sich dabei um Schlüpflinge handelt oder Tiere, denen jahrelang die Möglichkeit einer Winterstarre verwehrt wurde. Ihre Körper sind alle darauf ausgelegt, bei Kälte gleich zu reagieren – noch einmal: Sie können es gar nicht anders. Sie können keine eigene Körpertemperatur aufbauen und halten.
Instinktiv reagieren unsere Schildkröten darauf, wenn sie spüren, dass es Winter wird, die Temperaturen dauerhaft sinken und auch die Lichtintensität nachlässt. Sie stellen das Fressen ein, sie brauchen ja im Gegensatz zu Säugetieren mit konstanter, wenn auch über den Winter abgesenkter Körpertemperatur keine Fettreserven zum Verbrennen. Daher wird auch nicht bis zum letzten Tag vor dem Vergraben gefressen, im Gegenteil. Sie hören im Herbst damit auf. Verhungern werden sie deshalb aber nicht.
Dazu muss der Instinkt natürlich auch das „Signal“ bekommen: Es ist jetzt Winter. Das zögern wir durch Frühbeete und Gewächshäuser nur eben heraus, damit sie nicht schon im September „denken“, es wäre soweit. Irgendwann sorgt dann der Instinkt dafür, dass die Tiere sich Versteckplätze zum Überwintern suchen. In der Regel graben sie sich dazu ein.
Aber sie schlafen nicht. Sie reagieren auch unter der Erde, wenn es z.B. noch kälter wird, in dem sie sich noch tiefer eingraben. Der Stoffwechsel verlangsamt sich enorm, aber er kommt nicht zum Erliegen. Viele Tiere scheiden dann auch noch Verdauungsreste aus.

Winterstarre?

Ja.
Zwischen Winterruhe, Winterschlaf und Winterstarre gibt es erhebliche Unterschiede. Im deutschen Sprachgebrauch bedeuten die drei Begriffe drei unterschiedliche Arten von Tieren, durch den Winter zu kommen.
Was nun was ist, darüber wurde oft geschrieben, das muss an dieser Stelle nicht widerholt werden. Ich verweise auf die Erklärungen, die das SWR-Kindernetz veröffentlicht hat. Auch wenn bei Schildkröten sehr häufig das Wort Winterschlaf verwendet wird, macht es das nicht richtig. Denn die Schildkröten schlafen nicht, sofern man Schlaf auch als eine Abwesenheit von Bewusstsein ansieht. Sie reagieren auch während der Winterstarre instinktiv und aktiv auf Umwelteinflüsse. Das passiert zum Beispiel, indem sie sich bei zunehmender Kälte noch tiefer eingraben, um in frostfreien Schichten zu gelangen. Bei zunehmender Wärme wiederum graben sie sich langsam nach oben. Würden sie schlafen (wenn Schlaf das Gegenteil des Wachzustands ist) würden sie das nicht tun.
Sinnvollerweise spricht man daher von Winterstarre. Lediglich Gerhard Jennemann hat sich vor zwei Jahren auf dem Schildkrötentag in Peine vehement gegen die Nutzung dieses Wortes ausgesprochen, weil es seiner Meinung nach eigentlich falsch ist. Er verwendet stattdessen das Wort Winterruhe.
Jennemann definierte dort Starre als einen Aggregatszustand. Schildkröten würden demzufolge nicht starren, weil sie nicht, wie zum Beispiel Wasser, wenn es kalt wird, anfängt zu frieren, also zu Eis zu werden.
Dieses Verständnis des Begriffs starr ist allerdings philologisch und lexikalisch falsch.
Die drei Aggregatszustände werden üblicherweise als fest – flüssig – gasförmig bezeichnet.
Das Adjektiv starr (aus dem lateinischen starrum) ist im Deutschen allerdings kein Synonym für fest sondern für bewegungslos und/oder bewegungsunfähig.  Bekannte Formulierungen wie „Starr vor Angst“, „halsstarrig“, „starrer Gesichtsausdruck“ oder „Schockstarre“ machen klar, dass derjenige, um den es da geht, nicht fest ist, sondern bewegungslos. Die Schilderung von Lots Frau, die zur Salzsäule erstarrte, zeigt: Starre ist die Abwesenheit und ggf. Unfähigkeit, sich zu bewegen. Das trifft zwar auch auf Wasser zu, wenn es friert und seinen Aggregatszustand ändert, aber es erstarrt nicht (in der Bewegung), es wird fest. Wenn der See demnächst, also still und starr ruht, dann tut er das, weil die Oberfläche möglicherweise nach der Bildung einer Eisschicht gefroren und damit bewegungslos ist. Vermutlich liegt hier die Ursache für die Fehlinterpretation. Denn Wasser erstarrt zu Eis, wenn es seinen Aggregatszustand ändert und fest/hart wird. Es gefriert. So wie auch Gesichtszüge „einfrieren“ können…

Dass Schildkröten bei der Starre allerdings keineswegs bewegungslos sind, wissen alle, die die Tiere in größeren Gruben oder Kisten überwintern. Zwar „ruckeln“ sie sich auch in kleineren Boxen zurecht, aber in größeren Gruben kann man sehr gut beobachten, wie tief sie sich während der Überwinterung tatsächlich graben und dass sie keineswegs in der Ecke sein müssen, wo man sie vermutet, weil sie sich da auch eingegraben haben. Längt haben sie sich woandershin bewegt. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass sie eben nicht schlafen. Starren tun sie im engen Sinn des Begriffs aber auch nicht. Sie bewegen sich eben doch.

Wäre es da nicht einfacher, den wissenschaftlichen Fachbegriff Hibernation zu verwenden?
Im Prinzip ja: Doch differenziert dieser nicht zwischen der Überwinterungsart wechselwarmer und gleichwarmer Tiere. Hibernation heißt lediglich Überwinterung. Ob der Organismus bei der Hibernation allerdings bei Bewusstsein ist, schläft, seine Körpertemperaturen reduziert oder diese durch die Umweltbedingungen fast auf Null gesetzt sind, differenziert der Begriff nicht. Dazu braucht es eben nun mal die drei deutschen Wörter.

Text und Fotos: Lutz Prauser

3 Kommentare


  1. Lieber Herr Köhler,
    viele Dank für diesen Beitrag, dem ich allerdings etwas entgegenstellen möchte.
    In der Tat kann man das Ganze, ob nun Starre, Schlaf oder Ruhe, auch als Wortklauberei ansehen, einen Streit darüber vom Zaun zu brechen, lohnt sich ganz sicher nicht.
    Natürlich ist es nicht Jennemann allein, der statt Winterstarre das Wort Winterruhe bevorzugt. Es ging hier mehr um seinen Ausflug in die Philologie, mit der er argumentierte, das Wort „Starre“ als Aggregatszustand aufzufassen, wie er das vor zwei Jahren in Peine gemacht hat. Das ist nun mal falsch.

    Klauben wir ruhig noch ein wenig weiter in Wörtern;

    Es ist schon klar, dass es auch gewichtige Gründe gegen den Begriff „Starre“ gibt, denn Landschildkröten starren ja nicht so still und starr wie viele andere Reptilien und Amphibien – der „Mechanismus“ des Absenkens der Körpertemperatur ist aber nun mal vom Prinzip her der Gleiche. Und niemand behauptet, dass die Winterstarre lückenlos, konsequent und ausschließlich den ganzen Winter über stattfinden muss, was ja auch außer bei Kühlschranküberwinterung kaum passiert. So gesehen verstehe ich die von Ihnen beschriebenen Unterbrechungen als ein zeitliches Aufeinanderfolgen mehrerer Starre-Phasen, die abhängig von der Umgebungstemperatur sind und kann diese Unterbrechungen nicht als schlagendes Argument gegen die Verwendung des Begriffs „Starre“ finden.
    Es gibt einen interessanten Alternativ-Ausdruck, „Kältestarre“, wie er z.B. in einem Beitrag in der Terraria Sept./Okt. 2012 von Beat Akeret verwendet wird. Das würde sprachlich zumindest den Zeitraum Winter aus dem Begriff nehmen, und die Starre ausschließlich in Zusammenhang mit klimatischen Bedingungen (Temperatur) setzen. Denn eine solche Starre setzt bei wechselwarmen Tieren ja auch zwangsläufig dann ein, wenn es nicht Winter ist und man sie im Labor in eine Kühlkammer bringt.
    Das Wort „Kältestarre“ allerdings assoziiert sofort wieder eine Verbindung zum „Einfrieren“ durch Kälte. Allerdings könnte man mit „Kältestarre“ die reine Temperaturabhängigkeit des Ganzen in den Vordergrund heben – und die Kältestarre endet eben immer dann, wenn es wärmer wird und die Tiere aktiv werden und setzt wieder ein, wenn es hernach wieder kälter wird. Damit wäre ein durchschnittlicher Winter eine Abfolge einiger Kältestarre-Phasen.
    Wir werden zudem immer mit dem Problem konfrontiert, dass gemeinhin Winterruhe als ein unterbrochener „unruhiger Winterschlaf“ von Warmblütern verstanden sind, die zwischenzeitlich aus ihren Verstecken kommen und Nahrung aufnehmen. Man könnte sich jetzt darauf verständigen, dass „Winterruhe“ nicht exklusiv für „Warmblüter“ gemeint ist, aber offensichtlich ist das weitgehend so. Zwei sehr unterschiedliche Arten der Überwinterung mit dem gleichen Begriff abzudecken, ist vielleicht nicht so klug.
    Letztlich ist aber schon viel gewonnen, wenn wir es schaffen, den Winterschlaf aus den Alternativen zu streichen – zumindest, wenn mit „Winterschlaf“ die Art Überwinterung gemeint ist, bei der Tiere zum Aufrechterhalten der Körpertemperatur Fettreserven anfressen, von denen sie dann im Winter zehren.


  2. Starre – Schlaf – Ruhe
    Ich fürchte fast, Versuche zur exakten Definition dieser drei Begriffe sind akademischer Natur. Sie helfen jedenfalls kaum jenen besorgten Schildkrötenhaltern, die ein oder mehrere Tiere besitzen, die sich einer Überwinterung „widersetzen“, aus welchen Gründen auch immer. In der Tat gibt es genügend wirkliche Probleme, über die zu diskutieren (hoffentlich nicht zu streiten !) es sich eher lohnt.
    Nach meiner Meinung trifft das Wort „Winterruhe“ noch am besten auf den tatsächlich stattfindenden Vorgang zu. Deshalb verwendet nicht erst Herr Jennemann diesen Begriff, sondern auch andere Autoren, und zwar schon seit Jahrzehnten, wie z.B. Hans-Werner Rudloff, Reiner Praschag, Manfred Rogner – mich eingeschlossen (z.B. Köhler 2008: „Aufzucht Europäischer Landschildkröten-Babys“). Weder die Begriffe „Winterstarre“ noch „Winterschlaf“ lassen erkennen, dass Europäische Landschildkröten in ihren südeuropäischen Heimatbiotopen im Winter keineswegs ununterbrochen „starren“ oder „(durch)schlafen“, sondern eher „ruhen“. Denn viele von ihnen wagen sich an sonnigen und warmen Wintertagen durchaus für ein oder zwei Stunden aus ihren Überwinterungsverstecken, genießen die winterliche Sonnenstrahlung, beißen vielleicht sogar in ein in der Nähe liegendes Blatt, um sich nach dieser Unterbrechnung wieder in ihre Verstecke zurückzuziehen und die Winterruhe fortzusetzen.
    Sollte uns dieses Verhalten nicht zu denken geben?
    Horst Köhler, http://www.schildi-online.eu


  3. Danke Lutz
    Bücher sollten weiterhin gelesen werden, aber …
    Sehr gut erklärt.wurde der Unterschied von Starre und Winterschlaf oder Ruhe. Bei diesen richtig definierten Begriffen weiß man sofort was gemeint ist. Eine gewisse “ Halsstarrigkeit“ gehört halt dazu , wenn man das nicht sehen will. Diese Diskussion mit o.g. Herrn habe ich schon vor mehreren Jahren abgebrochen.

    Was man(n) nicht verstehen will, versteht man(n) auch nicht.
    © Rose von der Au
    (*1953), deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin

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