Das waren die IGSN-Schildkrötenschutztage 2017 – Teil 2

Teil 1 hier
Sonntag, 10 Uhr. Barbara Klobusch von der Auffangstation Dorsten ging auf die Haltung von Wasserschildkröten ein, und die Teilnehmer dankten es ihr mit ihrer konzentrierten Aufmerksamkeit. Blumenkastenfilter und Weichschildkröte, invasive Arten und europäische Sumpfschildkröten. Sie zeigte alles was die Station hergibt und leistet. Die Freunde der Wasserschildkröten dankten es ihr mit Applaus. Denn gerade im Bezug auf Wasserschildkröten und der neuen EU-Verordnung, bezüglich der Bekämpfung der invasiven Arten herrscht doch große Unsicherheit unter allen Beteiligten. In NRW sieht es aber nicht ganz so schlimm aus. Hier dürfen Auffangstationen und Tierheime auch weiterhin diese Arten an Privathalter vermitteln, wenn diese bestimmten sie Kriterien erfüllen. (Vergleiche: Verordnung (EU) Nr. 1143/214 – Vorläufige Hinweise des Ad hoc-UAK „invasive Arten“ zu Vollzugsfragen nach Einführung der zweiten Unionsliste, sowie der Vollzugsempfehlungen des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW)
Es folgte Ingo Diegel von der gleichnamigen Tierarztpraxis aus Schwelm. Und er fesselte sie dann alle. Denn er erklärte das, was am Vortag große Fragezeichen in den Gesichtern vieler Tierheimangestellter hinterließ. Nach diesem Vortrag wusste dann plötzlich wirklich jeder was Herpes und Mykoplasmen verursachen können.

Zahlen aus Detmold zeigen, dass Herpes- und Mykoplasmentests bei den Haltern von Landschildkröten immer „beliebter“ werden. Bei den Haltern von Wasserschildkröten hingegen ist das Gefühl der Notwendigkeit noch nicht so angekommen. Aber immer mehr Tierärzte weisen jetzt auch auf die Möglichkeit der Tests bei Wasserschildkröten hin. Und warum sie so wichtig sind. Die enormen Kosten werden hier jedoch als Grund genommen, um darauf zu verzichten. Oder aber die angenommene Weisheit, dass Wasserschildkröten nicht so häufig die typischen Symptome zeigen und somit auch nicht infiziert sind. Bilder im Vortrag von Ingo offenbarten dann aber das mögliche Gegenteil. Die jüngeren Teilnehmer haben es augenscheinlich verstanden, und beteiligten sich jetzt an den Fragerunden. Das war das, was wir erreichen wollten. Ein erstes Umdenken? Nein, kein Umdenken. Diese jungen Menschen werden zukünftig versuchen, das neu Gelernte in ihren Tierheimen zu etablieren. Bleibt zu hoffen, dass sie von den traditionellen Tierschützern nicht ausgebremst werden.
Fast zwei Stunden dauerte Ingos Beitrag. Und er bekam auch den lautesten Beifall für seinen Vortrag.
Sonja Bader stellte zur späten Mittagszeit das eindrucksvolle Projekt „Schildkröte entlaufen – vermisst – gefunden“ und die gleichnamige Facebookgruppe vor. Diese Gruppe sorgt sich um entlaufene Schildkröten. Dabei nutzen sie die Beiträge im Internet. Vergleichen Suchanzeigen mit Bildern von Fundanzeigen und haben so schon viele Schildkröten zu ihren Haltern zurück gebracht. Virtuell versteht sich. Ein zeitintensives Projekt, das wir auf alle Fälle so gut wie möglich unterstützen werden. Das neuste Projekt der Gruppe wird eventuell eine passende Homepage werden.
Danach eröffnete Nadine Diegel eine Diskussion zum Thema „Einführung einer bundesweiten Datenbank für vermisste und gefundene Schildkröten“. Ein Thema, das viele Befürworter hatte, aber auch klarmachte, dass es nur funktionieren kann, wenn alle daran mitarbeiten. Vor- und Nachteile wurden erörtert. Eine bereits vorhandene Datenbank für Tiere vom deutschen Tierschutzbund wird im Bereich Reptilien so gut wie gar nicht genutzt. Vielleicht sollte man das mal ändern? Das Modell Tasso wurde angesprochen. Aber könnte dann der Ruf der generellen Chippung von Schildkröten lauter werden? Egal wie man es drehen will. Ohne die aktive Mitarbeit aller Beteiligten wird das nicht zu stemmen sein. Aber ein Versuch macht klug. Und lohnt sich ganz sicher.
Und dann stand Ingo Diegel wieder vorne am Rednerpult und eröffnete eine weitere angeregte Diskussion. Es ging um die Möglichkeit Schildkrötenmännchen endoskopisch zu kastrieren, um so eine Verträglichkeit der Tiere untereinander zu erreichen. Und welche Vor- oder Nachteile dadurch für den Tierschutz entstehen könnten. In der Schweiz gibt es einen Tierarzt der bestätigt, dass gerade europäische Landschildkrötenmännchen nach der Kastration ruhiger und weniger aggressiv sind. So könnten unter gewissen Umständen vielleicht auch mehrere Männchen in einem Gehege gehalten werden. Eine Möglichkeit für bessere Vermittlungschancen für die jetzigen Ladenhüter unter den Schildkröten? Aber wie verhält es sich mit dem Tierschutz. Ist das wirklich ein triftiger Grund ein Tier zu kastrieren. Und wer soll die noch immens hohen Kosten tragen? Marktlücke? Gute Idee? Ich bin gespannt wie sich diese eröffnete Diskussion noch entwickelt. Auf alle Fälle könnte man in den Tierheimen verträgliche Männchen nach der Quarantäne auch langfristig zusammenhalten, bevor sie vermittelt werden. Platzsparend…
Und so überzogen wir wieder die geplante Redezeit um fast eine weitere Stunde. Die Beteiligung aller (!!!) Teilnehmer zeigte dann auch, dass sie zugehört hatten, und etwas mit nach Hause nehmen. Und das ist ja das, was wir erreichen wollten. Und ich meine damit jetzt nicht die Teilnahmebestätigung, die jeder Teilnehmer am zweiten Tage erhielt. In den kommenden Tagen und Wochen wird nun ein Protokoll angefertigt und ausgearbeitet. Erste Kritiken zeigen, dass der überwiegende Teil der Besucher von der Herzlichkeit, gepaart mit dem unermüdlichen Hinweis der Wichtigkeit der einzelnen Themen sehr zufrieden war. Die IGSN wurde schon zu kommenden Tierheimfesten eingeladen, und ist bemüht weitere Kontakte diesbezüglich zu schließen. Es reicht, wenn man mit einem Schildkrötenstand auf einem Tierheimfest steht. Man glaubt gar nicht, wie viele Leute stehen bleiben und angeregte Gespräche führen. Das ist Teil der angestrebten Ziele unserer Veranstaltung. Miteinander für Schildkröten das Beste rauszuholen.
Dann schenkte Thorsten Geier (Kleintierverlag) spontan jedem anwesenden Tierschutzverein eines seiner Bücher, um ihnen so noch mehr Wissen zur artgerechten Haltung europäischer Landschildkröten mit auf den Weg zu geben. Ein Angebot was dankend angenommen wurde. Rührende Gesten, bis hin zu überschwänglichen Danksagungen. Emotionale Augenblicke bei nicht alltäglichen Bildern erkrankter Tiere. Und Staunen über so viel Liebe zum Detail, bei dem Versuch der artgerechten Haltung auch im Tierschutz.
Mit anderen Worten, der Aufwand hat sich auf alle gelohnt. Auch wenn wir finanziell mit einem kleinen Minus nach Hause gehen, und die IGSN-Mitglieder die Veranstaltung so durch ihren Beitrag zu einem kleinen Teil mitfinanziert haben. Kann man doch sagen, dass ein paar Menschen die in den kommenden Jahren für die Schildkröten im Tierschutz verantwortlich sein werden, diese jetzt sachkundig pflegen und behüten werden. Und sie wissen, an wen sie sich vertrauensvoll wenden können, wenn sie Hilfe benötigen. Jetzt heißt es für uns die Informationen zusammenzutragen und aufzuarbeiten. Danke, dass ich dabei sein durfte. Jetzt machen die IGSN-Schildkrötenschutztage Pause. Denn 2018 findet dann am 2. Und 3. Juni das 2. NRW-Schildkrötenwochenende in Dorsten statt. Ein Schildkötenfest an dem auch neue Gesichter der Tierheime teilnehmen werden. Und sie werden Werbung für 2018 machen. Die Vorbereitungen laufen. Und wir können uns jetzt schon auf Lutz Prauser, Wolfgang Wegehaupt und auch auf Ingo Diegel freuen. Denn sie werden 2018 dabei sein.
Und wenn dann alles nach Plan läuft, folgen die 3. IGSN-Schildkrötenschutztage 2019. Wo? Keine Ahnung, aber hier bei der Testudowelt werdet ihr es dann erfahren…

 

Text und Bilder: Ralf Czybulinski (IGSN e.V.)

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