Aller guten Dinge sind drei – Thorsten Geier im Interview über die dritte Auflage seines Klassikers

Wer kennt es nicht? Thorsten Geiers Fester Panzer – weiches Herz: Der Ratgeber zur naturnahen Haltung Europäischer Landschildkröten gehört zu den Standardwerken im Regal zahlreicher Halter Europäischer Schildkröten. Gerade Einsteigern in dieses Hobby wird immer wieder das Buch empfohlen. Nun erscheint dieser Ratgeber in dritter Auflage neu – und wieder überarbeitet. Wir haben beim Autor Thorsten Geier nachgefragt, was seiner Meinung nach den Erfolg des Buches ausmacht und was es in der neuen Ausgabe Neues zu lesen gibt.

Wie lange ist das jetzt her, dass Buch Fester Panzer – weiches Herz auf den Markt kam?
Das war Mitte Oktober 2005. Daran erinnere ich mich noch sehr genau! Auf dem Schildkrötentag in Landau hatte ich mein allererstes Buch veröffentlicht – schon damals mit dem Titel Fester Panzer – weiches Herz. Ich durfte sogar zwischen den Vorträgen eine kleine Präsentation vor dem großen Publikum halten, um mein neues Buch vorzustellen. Etwas Erfahrung in Sachen Vorträge hatte ich ja damals schon sammeln können. Aber ich war sehr aufgeregt, als ich mein Buch vorstellen durfte.

Was hat Dich damals bewogen, dieses Buch zu schreiben?
Lange bevor ich überhaupt mit dem Gedanken gespielt habe, ein Buch zu schreiben, habe ich sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet. Zunächst habe ich das auf unseren Ort bezogen. Denn auch unter den Nachbarn gab es ein paar Schildkrötenhalter. Schon damals fand ich die Haltung im Gehege und die Fütterungsmethoden einiger Leute „in meiner Region“ ausbaufähig. Und so kam es, dass sich immer mehr Leute bei mir gemeldet haben, wenn es um die Haltung von Europäischen Landschildkröten ging. Später war der „Aktionsradius“ dann so groß, dass ich per PKW durch den Landkreis gefahren bin! Das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Ich hatte einige Info-Zettel auf dem PC erstellt, ausgedruckt und jeweils zu meinen „Hausbesuchen“ mitgekommen. Diese Infozettel wurden immer ausführlicher. Was zunächst auf nur eine einzelne Din-A-4-Seite Platz fand, wurde innerhalb kurzer Zeit stark erweitert, so dass ich mir sogar einen Farbdrucker speziell für diese Broschüren hab kaufen wollen. Dieser Farbdrucker war aber recht teuer in der Anschaffung, weshalb ich dann in Richtung Kopierstudio (ja, damals gab es noch solche Geschäfte an jeder Ecke!) weitere Kontakte suchte. Und dann ging mein Weg vom Kopierstudio in eine Druckerei. Die Idee der gedruckten Broschüren wurden verworfen, der Weg zum Buch wurde frei!

Wie erklärst Du Dir den durchschlagenden Erfolg des Buches?
Wenn ich an die zahlreichen Rückmeldungen meiner Leser denke, dann loben diese meine Faszination, die sie aus Fester Panzer – weiches Herz entnehmen können. Und auch die praxisnahen Informationen werden oft angesprochen. Viele Leser schreiben, dass sie meine Bücher regelrecht „verschlingen“. Das macht mich besonders stolz!
Ich möchte zwar auf der einen Seite meine eigene Schildkrötenhaltung im Buch vorstellen. Aber ich lasse auch zu jeder Zeit verschiedene bzw. andere oder vor allem weitere Möglichkeiten der Haltung von Europäischen Landschildkröten zu. Den häufig in Büchern anderer Autoren vorhandene gehobene Zeigefinder versuche ich bewusst wegzulassen. Denn ich möchte meinen Lesern zeigen, dass es nicht nur eine einzige Möglichkeit gibt, die Tiere artgerecht bzw. naturnah zu halten. Da kann man nicht alles über einen Kamm scheren.
Weiterhin versuche ich dem Leser eine gewisse Eigenverantwortung zu geben, d.h. ich biete verschiedene Möglichkeiten an, die der Schildkrötenfreund dann für seine eigene Haltung erproben und umsetzen kann.

Wenn eine Auflage zur Neige geht, muss der Verleger entscheiden, ob er eine unveränderte neue Auflage auf den Markt bringt oder den Autor um eine Überarbeitung bittet. Was, wenn Autor und Verleger eine Person sind, sicherlich im stillen Kämmerlein abgemacht werden kann. Was hat Dich dazu bewogen, die zweite Auflage wieder zu überarbeiten?
Ganz wichtig: auch ich lerne jedes Jahr dazu! Klar, dass es dann auch bei mir im Laufe der Zeit Änderungen in meiner Schildkrötenhaltung gibt. Ich spreche hier von verschiedenen Optimierungen. Einzeln betrachtet mögen diese nur sehr winzig sein, aber im Ganzen betrachtet ändert sich im Laufe der Zeit schon einiges! Besonders deutlich wird dies am Schildkrötengehege. Ich bin mir sicher, dass sich an dieser Stelle jeder Schildkrötenhalter wiederfindet. Es werden andere bzw. neue Materialien verwendet, die Gehege werden größer… und „schöner“ natürlich auch! Vom Anspruch an mich selbst ganz zu schweigen!

Wie groß sind denn die Veränderungen zur ersten Auflage und zur zweiten Auflage? Oder anders gefragt: Sind die vorangegangenen Ausgaben jetzt hinfällig geworden?
Einige erinnern sich bestimmt noch an dieses „blaue“ Buch (gemeint ist damit die 1. Auflage). Damit möchte ich auf die durchgehend blau verwendete Schriftfarbe anspielen! Um Kosten zu sparen habe ich damals das Layout am eigenen PC selbst vorgenommen. Hans–Dieter Philippen formulierte dies sehr treffend damit, dass die buchtechnische Gestaltung nicht die eines Profis ist! Das hatte mich zunächst ehrlicherweise zutiefst getroffen, aber natürlich hatte er damit absolut recht! Schließlich bin ich kein Grafiker, der dies in jahrelanger Ausbildung gelernt hat. Auch das Lektorat war nicht wirklich „fachmännisch“. Somit waren bereits die ersten zwei wesentlichen für die zweite Auflage erkannt und konnte aufgegriffen und verbessert werden.
Und wenn ich mir nun die inzwischen dritte Auflage (Oktober 2017) anschaue, so sehe ich weitere Optimierungen. Wie bereits erwähnt wird man sogar beim bloßen Durchblättern des Buches bemerken, dass meine Gehege plötzlich komplett anders erscheinen. Der Faktor „naturnah“ ist noch mehr in den Vordergrund getreten und wurde von Jahr zu Jahr ausgebaut. Auch die Fotos aus dem natürlichen Lebensraum sprechen für sich! Denn in den letzten Jahren habe ich zahlreiche Schildkröte in ihren Habitaten beobachten und fotografieren können. Und meine Ergebnisse daraus sind nicht nur in Form von deutlich mehr Fotos in das Buch eingeflossen, sondern fließen auch in meine eigene Haltung mit ein. Von daher erwarten allen Lesern der dritten Auflage schon sehr viele Neuigkeiten, die ich keinem vorenthalten möchte.
Das „Kinder-Kapitel“ ist beispielsweise mit komplett neuen Illustrationen erstellt worden. Alexa Sabarth hat hierfür neue kindgerechte Illustrationen gezeichnet, die wunderbar in die neue Auflage passen. Das soll bereits die kleinsten Schildkrötenfreunde faszinieren! (Anm.: siehe Leseprobe am Ende des Interviews)

Im Vorgespräch hast Du erzählt, dass Du das Wort „Gefangenschaft“, was Schildkrötenhaltung betrifft, aus Deinem Buch gestrichen hast. Warum?
Ich bekam einmal eine Leserzuschrift von einer älteren Schildkrötenhalterin. Sie hat mir einen sehr langen Brief geschrieben und viel über ihre Schildkröte erzählt. Die Leserin hatte sie von ihrem mittlerweile verstorbenem Ehemann geschenkt bekommen, der die damals schon ausgewachsene Schildkröte aus dem Krieg mitgebracht hat. Meine Formulierung „Gefangenschaft“, die ich gerade in Bezug auf negative Schildkrötenhaltung häufig verwendet habe, hat sie daher aus einer ganz anderen Sichtweise wahrgenommen. Auch dazu hat sie mir sehr bewegende und traurige Anmerkungen aus der Gefangenschaft ihres Ehemannes geschrieben. Und das war für mich ein wichtiger Grund, warum ich nun im neuen Buch nur noch von „menschlicher Obhut“ spreche.

Das Buch Fester Panzer – Weiches Herz soll Schildkrötenhalter inspirieren, über ihre Haltung nachzudenken und eventuell das eine oder andere verbessern helfen. Neueinsteiger sollen sich informieren können, damit es gar nicht erst zu Fehlern in der Haltung kommt. Ist es nicht trotzdem frustrierend, wenn man immer wieder liest und zu sehen bekommt, wie Schildkröten wider besseres Wissen vollkommen falsch gehalten werden und sich die Eigentümer der Tiere komplett jeder Beratung verweigern?
Es liegt in der Natur der Sache, dass es verschiedene Denkweisen etc. gibt. Das ist auch gut so, denn solche unterschiedlichen Ansichten können schon z.B. die Schildkrötenhaltung aktiv verbessern, in dem man darüber spricht und Aufklärungsarbeit macht. Ich vergleiche das mit einem „ständigen Verbesserungsprozess“, wie man es z.B. in der Arbeitswelt häufig findet.
Natürlich gibt es auch solche Schildkrötenbesitzer, die ihre Haltung partout nicht ändern bzw. verbessern wollen. In meinem Buch versuche ich zunächst möglichst viele Informationen über die Schildkrötenhaltung zu geben. Das soll ein Grundwissen aufbauen. Im zweiten Schritt kann der Leser dann Verbesserungsmöglichkeiten eigenständig erkennen und selbst für seine eigene Haltung umsetzen. Das klappt auch während persönlicher Gespräche (z.B. während einer Tagung oder einem Infostand) sehr gut. Und mit dieser Methode lassen sich viele Halter „überzeugen“, weil sie den Grund für eine eventuelle Veränderung selbst herausfinden und überhaupt verstehen. Denn es bringt überhaupt nichts, wenn man mit dem anfangs erwähnten Zeigefinger auf die Menschheit losgeht!
Dass ich natürlich nicht jeden von einer möglichst naturnahen Haltung überzeugen kann ist zwar schade, aber leider manchmal einfach nicht zu ändern. Wir sollten uns stattdessen lieber an diejenigen Schildkrötenhalter erfreuen, die den Sinn einer möglichst naturnahen Haltung verstanden haben und vorbildlich umsetzen! Und davon gibt es eine Menge, wenn ich mir die zahlreichen Gehegefotos auf Facebook & Co. anschaue!

Man kennt Dich von Tagungen und Vorträgen als sehr ruhigen, besonnenen Menschen, der aber eine klare Meinung zur Haltung Europäischer Landschildkröten hat. Was kann Dich wirklich auf die Palme bringen?
Die wenigsten Schildkrötenhalter pflegen ihre Tiere mit Absicht schlecht. Das finde ich zunächst eine sehr wichtige Aussage. Häufig sind es nämlich falsche Informationen (z.B. aus veralteten oder schlechten Büchern), die ursächlich für z.B. Erkrankungen von Schildkröten sind. Ich bin kein Freund der Terrarienhaltung bei Europäischen Landschildkröten. Ich bin aber keinem Schildkrötenfreund böse, wenn er sein Tier in der Vergangenheit im Terrarium auf Holzspänen gehalten und mit Salat und Tomaten während der Winterzeit ernährt hat (das waren jetzt mindestens 5 Fehler auf einmal!). Aber mich kann es auf die Palme bringen, wenn ein Schildkrötenhalter solch eine schlechte Haltungsform bewusst und absichtlich so weiter betreibt, nachdem er über die Missstände bzw. falschen Parameter informiert wurde. Es muss einfach eine positive Änderung der Haltung zu sehen sein, damit die Tiere ein besseres Leben in menschlicher Obhut genießen dürfen. Das ist schließlich für mich der Ansporn gewesen, mein allererstes Schildkröten-Buch zu schreiben.

Vielen Dank lieber Thorsten für die Beantwortung unserer Fragen. Wir würden uns freuen, bald wieder ein neues Buch von Dir vorstellen zu können.
Danke sehr für das freundliche Interview!

 

Leseproben:

1 Kommentar


  1. Hallo Thorsten,

    Du hast dir offensichtlich viele Gedanken bei der Überarbeitung Deines schönen und sehr nützlichen Schildkrötenbuches gemacht. Eine Änderung halte ich aber eher für einen Rückschritt, nämlich die Verwendung des Ausdruckes „in menschlicher Obhut“ statt „Gefangenschaftshaltung“ in Bezug auf Schildkrötenhaltung.

    Ich habe schon viele Tiere gehalten, einige lebten bei mir in menschlicher Obhut, andere dagegen definitiv in Gefangenschaft. Die Unterscheidung ist doch sehr einfach an dem Kriterium auszumachen, ob die Tiere/Tierarten freiwillig bei einem bleiben oder ob man sie lebenslang dazu zwingen muss. Einen bestimmten Ort nicht verlassen zu können, wenn man möchte, ist nun mal die Definition von Gefangenschaft, nicht wie gut oder schlecht man an diesem Ort versorgt wird. Meine Hunde und meine Katze hätten mich ggfs. verlassen können, sie sind freiwillig geblieben bzw. immer wieder zurück gekehrt. Für meine Vögel, Schildkröten etc. brauche ich dagegen Volieren, Aquarien und Terrarien bzw. Gehegeeinfriedungen, damit sie nicht entkommen können. Nur derjenige Schildkrötenhalter, dessen Tiere wirklich NIE an der Geheggrenze entlang laufen, darf meines Erachtens zu Recht von sich behaupten, er halte seine Schildkröten nicht in Gefangenschaft sondern „in menschlicher Obhut“.

    Ich finde es wichtig, dass man sich als Halter entsprechender Tierarten diesen Unterschied deutlich macht, auch wenn es einem vielleicht ein bisschen unangenehm ist. Man hat nämlich durch den – zur Haltung in unseren Breiten notwendigen – Freiheitsentzug eine noch größere Verantwortung, gerade auch was die Platzverhältnisse angeht. Deswegen finde ich schade, dass Du diese psychologisch sehr nützliche Unterscheidung in deinem Buch für Anfänger aufgegeben hast.

    Grüßle, Editha

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