Herpes im Bestand – ein Albtraum (Teil 2)

Von Carsten Saiko

Teil 1 lesen Sie hier

Wenige Wochen später…
wissen wir nun, dass die ersten Tests Gott sei Dank negativ waren, die Tiere bleiben bei meinen Freunden aber weiterhin in Quarantäne und eines möchte ich hier betonen: Sie standen die ganze Zeit fest an meiner Seite! Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt und nichts verheimlicht habe.
Aber zurück in den Albtraum: Ich war gepackt von Panik und Angst, Frustration und Wut. Bis zu diesem Befund sprach ich einige Male mit Annabellas Vorbesitzer, meinem ehemals guten Freund T. und er erzählte mir, dass auch sein Thb-Bestand bis auf das letzte Tier verstorben sei. Er hätte sich wohl was eingefangen, aber wie? Das war auch meine Frage.
Sein Bestand sei doch tierärztlich überwacht, Herpestests alle negativ! Und plötzlich konnte er sich nicht mehr so genau erinnern…Bluttest oder Rachenabstrich? Alle Tiere oder nur die Neuen? Ach, die beiden uralten Tiere eines Freundes nicht, sie seien ja 30 Jahre quasi in Quarantäne gewesen usw. Ich war fassungslos!
Hatte ich nicht mehrmals gefragt, ob ALLE Tiere getestet seien??? Ob es irgendeinen Grund zur Skepsis gäbe? Ob ich nicht selbst nochmals testen sollte? Nein, nein, nein. Ja, den Altbestand hätte er wohl nicht getestet…Zum Schluss gab er noch dem Wunsch Ausdruck, mich möge es nicht so schlimm treffen wie ihn, er habe immerhin 11 Tiere verloren, ich bis dato nur eines. Es kommt ja selten vor – Freunde von mir wissen das nur zu gut – aber ich war sprachlos.
Und gelähmt. Vor Angst total gelähmt. Was würde passieren? Nur die eine? Sollte ich Glück im Unglück haben? Sollte ich nicht. Nur 2 Tage später erkrankte mein geliebtes Alpha-Männchen Antonio. Mein Antonio! Mein Liebling! Antonio….Sofort zur Ärztin und da war es wieder: Herpes, kein Zweifel. Antonio lebte noch eine Woche. Ich befand mich in einem Albtraum, meine Tiere in tödlicher Gefahr.
Verheimlichen war nie mein Ding und so erlaubte ich einem Freund, meine Geschichte in Kurzfassung im Netz zu teilen, als Warnung vor Gutgläubigkeit und Naivität. Ob der Vorbesitzer etwas geahnt hatte bei der Abgabe?

Ich weiß es nicht
Selbst wenn T. es nicht gewusst haben sollte, so wusste er doch , dass er nicht jedes Tier getestet und in diesem Punkt mir nicht die Wahrheit gesagt hatte. Er hat das Leben meiner Tiere leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, war desinteressiert oder ignorant. Ja, auch er hat Tiere verloren, ja, auch ich hätte eine Quarantäne machen müssen, hätte nicht vertrauen dürfen. Und wenn Ihr mal ganz tief in Euch geht,… Na, wer wirft den ersten Stein? Aber er hätte doch sagen können, dass nicht sein gesamter Bestand getestet sei! Wo wäre das Problem gewesen?
Ich hätte doch erst testen können, ich hätte die 40 € auch bezahlt!!! Warum diese Ignoranz vor der Gefahr?! Am Tag, an dem ich mich entschloss, Antonios Leiden ein Ende zu bereiten, erkrankten 3 weitere adulte Weibchen. Speichelfluss, Appetitlosigkeit, Fauchen, diesmal belegte Rachen und Zungen….Ich stand ohnmächtig davor, von Angst gepackt und hin und her geworfen. Was machen Männer dann?
Sie nehmen den Hund und gehen Gassi. Ich nahm unsere 4 Hunde und ging Gassi. Und ich heulte, heulte Rotz und Wasser, mitten auf der Hundewiese stand ich, ein 1,91m großer und 100kg schwerer Mann und heulte. Ein Strohhalm musste her! Vielleicht überleben es ja einige, auch wenn positiv, egal, züchten muss ich ja nicht mehr, aber bitte, bitte, lieber Gott, nimm sie mir nicht alle!
Bestimmt würden es ein paar überleben, bestimmt meine Lieblinge Rosella, Donatella, Mariella, Carlotta und Alba, mit etwas Glück auch Paolo oder Kleiner Berlusconi, möglicherweise aber auch Benita und die schöne große Magarita von Menorca mit Ramon, ihrem Männchen, mit dem sie 1970 als kleine Kröten von der Vorbesitzerin nach Deutschland verschleppt wurde. Vielleicht nur 5 oder 6, egal, Hauptsache es bleiben Tiere außer den Babys zurück. Diese überdies haben gar keine Symptome, ein Test ist wegen der geringen Größe aber noch nicht möglich. Und was ist mit den Sumpfschildkröten?
Nun, zumindest die können dieses Herpesvirus nicht bekommen. Sie würden mir bleiben. Kein wirklicher Trost! Täglich hoffte ich auf ein Ende des Sterbens und wenn einmal 2 Tage kein Tier verstarb, schöpfte ich wieder Mut und Hoffnung, immer unterstützt von meiner Familie und vor allem von meinem Mann, der sich als sehr geduldig und einfühlsam erwies. Danke, Schatz! Doch starb an einem Tag kein Tier, so waren es am nächsten Tag 2 und ich konnte diesem Horror nicht entfliehen. Ich wurde immer trauriger, immer verzweifelter und als meine letzten Tiere Symptome zeigten, war ich fast schon erleichtert.
Ostermontag, knapp 4 Wochen nach Annabellas erstem Husten hatte ich keine einzige adulte Landschildkröte mehr. 34 Jahre Hobbyhaltung, Leidenschaft, Interesse für alles, was mit diesen Tieren zu tun hat, Erinnerungen, Urlaube und Exkursionen in die Habitate, mein gewecktes Interesse für alles Mediterrane…..nichts mehr. Ein ganzer Bestand ausgerottet. Die Babys, ja, die sitzen weiterhin in ihrem Frühbeet und warten wie wir alle in diesem Frühjahr auf die langersehnte Wärme und den Sommer. Aber mein Gehege ist leer. Keine Adulte läuft mehr durch das Gelände, kein Männchen stellt mehr einem Mädel hinterher, Donatellas kreisrunde Knopfaugen….nichts mehr!
Ich bin aus dem Albtraum erwacht und stehe vor dem Nichts.
Emotional ausgebrannt, wirtschaftlich schwer geschädigt. Auch das darf man nicht außer Acht lassen, wenn es auch nicht an erster Stelle kommt. Und nun? Aufhören kann ich nicht. Erstens kann ich mir ein Leben ohne Landschildkröten gar nicht vorstellen. Wäre ja wie ohne Hunde! Undenkbar!
Und zweitens sind da ja die Babys. Ich kann sie nicht abgeben, denn wenn auch noch kein Tier erkrankt ist und das bei einer Infektion schon sehr ungewöhnlich wäre…bei Herpes kann alles und nichts passieren und es wäre unverantwortlich, jetzt meine Kleinen zu verkaufen. Also muss ich für sie alles wieder aufbauen. Was das heißt, kann sich kaum einer vorstellen. Das Haus zu desinfizieren ist sehr arbeitsintensiv, aber es ist möglich und die Babys können sogar noch in diesem Sommer dorthin umziehen…mittlerweile könnte man darin einen Blinddarm operieren. Ich habe mit so vielen Mitteln gegen behüllte Vieren desinfiziert und brandgekalkt, bis ich ein leicht debiles Lächeln im Gesicht verspürte.
Aber das Freigehege?! Von der Struktur her kann ich es nicht vollkommen kalken ohne die Emys zu gefährden. Also behandle ich nur die Pfade und die Liegeplätze mit 20%er Kalkmilch und lasse es für mindestens 16 Monate brach liegen. Dann wird neu aufgeschüttet, im Haus sogar 20 bis 30 cm, dort habe ich aber eben so viel abgetragen bevor ich mit der Desinfektion anfing.
Das Virus ist hauptsächlich im Speichel und im Kot. Gerade dieser verleiht dem Virus eine schützende Ummantelung. Sie muss sich erst abbauen, damit das UV-Licht der Sonne das Virus zerstören kann. Glatte Flächen habe ich mit kochendem Wasser und einem Fettlöser vor der Desinfektion abgewaschen. Allein das killt das Herpes-Virus, aber sicher ist sicher. Fettlöser, Hitze, UV-Strahlung, ein Desinfektionsmittel und Brandkalk…Unmengen an Arbeitszeit und Schweiß….mehrere Kubikmeter Erde und Schotter…. ein arbeitsreicher Sommer steht an….und auch ein trister.
Wo sind meine Tiere? Meine geliebten Tiere? Antonio, Donatella, Mariella oder Carlotta mit ihren Gelegen ohne ein einziges Ei? Sie fehlen mir, täglich und es tut so weh! Wann wird das besser? Es wird besser, das weiß ich, denn ich habe die Hälfte meines Lebens lange hinter mir und habe viel lernen dürfen und auch müssen. Dieses Mal, einem vermeintlichen Freund nicht zu glauben, eine drohende Gefahr immer ernst zu nehmen und nicht als abstrakt abzutun. Ich habe diesen Bericht verfasst, um mir meinen Kummer von der Seele zu schreiben und um zu warnen!
Egal, wie gut man einen anderen Menschen zu kennen glaubt, SCHÜTZT EURE TIERE MIT EINER ENTSPRECHEND LANGEN QUARANTÄNE, seid lieber etwas zu vorsichtig als zu vertrauensselig, macht EIGENE Herpestests, diese Investition lohnt allemal!
Ja, ich fange wieder an, ja, ich tue alles für die Babys und ja, ich werde mir wieder eine kleine Gruppe zusammenstellen. Aber nein, meinen Antonio mit seinen pechschwarzen Kulleraugen werde ich nie wieder sehen und nun muss ich diesen Bericht abbrechen, denn nun kullern wieder Tränen…

Nachtrag Mai 2017
Das Haus ist desinfiziert, den Babys geht es offenkundig gut, ich kann mich aber immer noch nicht an das leere Gehege gewöhnen. Ich habe es nun doch weitflächiger als geplant mit Kalkmilch übergossen. Den Rest macht die Sonne! Im nächsten Sommer werde ich wieder von vorn anfangen – nicht von null – aber doch von vorn. Gern würde ich mir wieder eine kleine Gruppe adulter Testudo hermanni hermanni zulegen. 1,4 wäre toll, aber so eine Gruppe muss man erstmal finden und auch jemanden, der mir nach dieser Offenbarung seine Tiere anvertrauen möchte. Das könnte ein Problem werden.
Ich habe aus meinem Fehler gelernt. Aber zu keinem Zeitpunkt habe ich darüber nachgedacht, meine Erlebnisse zu verheimlichen. Man kann daraus lernen. Ich so oder so, aber vielleicht auch der eine oder andere Leser oder die ein oder andere Leserin. Wenn durch diesen Bericht Tiere geschützt werden können, dann hat dieser Albtraum wenigstens einen kleinen Sinn gehabt. Das Casa Carapax bleibt nun bis Sommer 2018 geschlossen. Keine Aufnahme von Fundtieren, keine Abgabe von Nachzuchten. Aber dann bin ich wieder da!

Lspät?

Text: Carsten Seiko. Alle Rechte beim Autor.
Wird in der kommenden Woche fortgesetzt.
Der Text erschien zuerst auf www.casa-carapax.de und wurde von dort mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen.

 

1 Kommentar


  1. Es tut mir so unendlich Leid das zu lesen, und ich kann es so gut nachfühlen, dass auch hier die Tränen kullern. Danke für den Bericht! Ich werde zukünftig besser aufpassen, auch ich habe ab und zu einfach vertraut… und verdammtes Glück gehabt! Ich werde es nie, nie mehr ausreizen. Es ist wirklich so ergreifend das zu lesen. Fühl Dich gedrückt…

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