Erzähl mal (Folge 09): Stress und Einbrecher

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Mein Mann sitzt bei einem Stressseminar im Stuhlkreis. Manchmal bietet die Firma solche Seminare an und man wäre ja blöd so etwas nicht wahrzunehmen. Nach dem üblichen Vorgeplänkel fragt dann die Leiterin des Seminars: „ Wenn Sie an zuhause denken, was stresst Sie da am meisten?“

Die typische Männerantwort ist dann die Sache mit dem Licht. Für viele Männer scheint Strom das teuerste zu sein, was es auf Erden gibt. Eine angelassene Lampe im Treppenhaus treibt sie vor ihrem geistigen Auge in den Ruin.  Da wird dann die Frau und die Kinder zur Rechenschaft gezogen und erklärt wie hart man für das Geld arbeitet und, und, und. Die Lichtsache ist ein typisches Männerding, fragen Sie ruhig mal im Freundes und Bekanntenkreis, Sie werden den Puls der befragten Männer in die Höhe treiben. Mein Mann äußerte sich zunächst nicht zu seinen Stressoren. Als die Seminarleiterin ihn ansprach, bekannt er dann doch Farbe: „Also mich stresst jeden Tag, wenn ich nach Hause komme und die Tür aufschließe, ob sie richtig rum liegen.“ In dem Seminar konnte niemand seine Aussage verstehen und so musste Marcus die Schildkrötensache erklären.

Aber als Schildkrötenhalter ist es wirklich so, eine auf dem Rückenliegende Schildkröte ist eine kleine Katastrophe, denn man weiß ja nie wie lange sie schon so liegt. Manchmal liegen sie so unglücklich, dass sie keinen Hebelpunkt finden können und die Chance sich umzudrehen gleich Null ist.

Ganz schlimm ist es dann noch, wenn sie sich bereits eingekotet hat und aufgegeben hat zu versuchen sich umzudrehen. Oft schaut die Schildkröte dann den eigenen Panzerbauch an und es sieht nur Mitleid erregend aus. Jeder Schildkrötenhalter kennt die Situation zu gut: man geht in den Garten und sieht eine Schildkröte auf dem Rücken liegen und strampeln. Der erste Gang ist also bei jedem von uns zuerst in den Garten, um zu schauen, ob sie richtig rum liegen. Alle wohl auf und alle liegen auf dem Bauchpanzer, der Stress fällt augenblicklich ab.

Einen Seminarteilnehmer faszinierte und belustigte die Geschichte so sehr, dass er Marcus einen kleinen Comic malte, auf dem er Schildkröten mal links, mal rechts rumdrehte.

Nach der Frühschicht gönnen wir uns gerne ein Mittagsschläfchen. Die Schildkröten sind gecheckt, die Fliegengittertür zum Garten zugezogen, dann also ab zur Siesta.

An diesem Nachmittag wurden wir aus dem Schlaf gerissen, auf der Terrasse war ein Poltern zu hören. Es könnten Hebelversuche eines Einbrechers sein, war unser erster Gedanke und dann hörten wir das Entriegeln des Magnetverschlusses der Fliegengittertür, ein kurzes Poltern und dann Stille.

Wir saßen beide mit Herzklopfen im Bett und nahmen dann doch allen Mut zusammen und öffneten die Schlafzimmertür. Im Wohnzimmer hörten wir wieder Geräusche, ein Schleifen und es schien als würden die Topfpflanzen weggeschoben werden. Die Treppe schlichen wir hinunter und waren bereit den Einbrecher zu fangen oder in die Flucht zu schlagen. Im Wohnzimmer standen wir dann dem Einbrecher gegenüber, der weiter versuchte sich zwischen das Sofa und die Topfpflanze zu quetschen. Unsere eigene Schildkrötendame Kimble hatte uns diesen Schrecken eingejagt, sie schien die Fliegengittertür irgendwie geöffnet zu haben und suchte anscheinend nach einem neuen Schlafplatz.

Kimble hat nie mit dem Einbrechen aufgehört, sie versucht es immer wieder und hat auch meistens Erfolg. Inzwischen nehmen wir die Geräusche nur noch unterbewusst wahr und merken uns im Schlaf: „ Gleich Kimble wieder in den Garten setzen!“ Hier unten gibt es den Videobeweis zum Einbruch!

Text und Fotos: Regina Conrad. Alle Rechte bei der Autorin

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