Erzähl mal (Folge 08): Kinder zu Besuch

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Wenn wir Kinder zu Besuch haben, haben wir immer mehr Stress als die Schildkröten. Irgendwie haben wir immer Angst um unsere Tiere. Unsere kleinen Nichten finden die Kröten nur eine Weile interessant. Die Kleinste hält die Schildkröten für eine Art Ostereiersuche und rennt durch Garten und sucht nach den Tieren. Wenn sie ein Tier entdeckt hat, fragt sie immer:“ Wie heißt der?“ In einer Engelsgeduld zähle ich die Namen der Schildkröten auf, die sie gerade entdeckt hat. Aber merken tut sich die Kleine keinen einzigen und stellt monoton wieder die Frage: „Wie heißt der?“

Wenn wir im Urlaub sind müssen manchmal unsere Freunde Schildkrötensitten: frische Badeschalen machen, schauen, ob die Kröten alle richtig rum liegen und ob irgendwelche Männchen von den Weibchen getrennt werden müssen. Die Kinder unserer Freunde sind bei jedem „Krötencheck“ natürlich mit dabei. Die Mutter läuft meistens mit der Liste der Kröten herum und versucht ein System in die Vollzähligkeit zu bekommen. Aber das funktioniert natürlich nicht, wenn sich die Kinder  andere Namen für die Tiere einfallen lassen. Anstatt dass die Mutter hinter Oskars Namen einen Haken machen kann, muss sie erst einmal überlegen wer „Onkel Fettsack“ jetzt wieder ist.

Mit den heutigen Medien ist das natürlich alles total praktisch, denn bei einem Foto über whats app mit dem Kommentar „Schildkröte hat Bein ausgerenkt, was ist zu tun?“ kann man ganz beruhigt auch  von 1000den Kilometer entfernt zurückschreiben: „Das Bein ist nicht ausgerenkt, das ist eine absolute Wohlfühlhaltung, alles okay!“ Auch andere Ferndiagnosen und Handlungsanweisungen sind über die sozialen Medien kinderleicht. Ich bekam ein Video geschickt mit einer pfeifenden Kröte, der Bläschen aus den Nasenlöchern stiegen. Ich kam mir schon fast vor wie eine Veterinärin: „Die Schildkröte hat eine Schnecke gefressen! Nasenlöcher mit einem Tuch vom Schleim befreien und das Tier mit 2-3 Blättern fette Henne füttern!“ Wenn dann das Video nach einer Zeit hinterher geschickt wird, dass die Kröte wieder normal atmend durch den Garten stolziert, ist alles gut auch am anderen Ende der Welt.

Am liebsten machen wir aber Urlaub zur Winterstarre, denn kurz Kühlschrank öffnen und Luftfeuchtigkeit kontrollieren ist doch am einfachsten für Schildkrötensitter.

Kinder wollen Schildkröten immer herumtragen. Es ganz zu verbieten hat keinen Sinn, daher bringen wir ihnen immer den für die Schildkröten stressfreiesten Tragegriff bei: eine Hand unter den Bauchpanzer und die andere auf den Rückenpanzer, so dass die Schildkröte nicht das „Freischwebegefühl“ hat. Wenn man es den Kindern auch so erklärt, halten sie sich auch meistens daran und sind stolz darauf, dass sie die Tragetechnik schon können.

Manche Eltern nehmen ihre Kinder als Vorwand um die doofe Frage zu stellen, ob die Schildkröten auch aus ihrem Panzer herauskönnen. Aber die Erklärung, dass der Panzer komplett durchblutet ist, verstehen sie nicht immer. Dass der Panzer doch mitwachsen muss, ist dann wiederum doch irgendwie logisch.

Oft liegen die Besucherkinder auf der Wiese und beobachten die herumwuselnden Schildkröten und dann stelle ich immer die eine Frage: „ Was fällt euch an den Augen auf?“ Zunächst ist es einmal Rätselraten und dann fordere ich sie auf die Augen mit meinen zu vergleichen. „ Die klappen ihre Augen ja von unten nach oben zu!“ „Genau und warum ist das gut so? “ „Weil die doch auf dem Boden rumkrabbeln, da sind ja eher Steine, die denen weh tun könnten in den Augen.“

Das verstehen sie alles ganz gut, aber dass eine Schildkröten-Mama sich nicht um ihre Kinder kümmert und diese noch nicht einmal erkennt, ist für die Kinder absolut unverständlich. Egal, die Babys sind für sie genauso niedlich wie alle anderen Tierbabys.

Für Kinder, die das erste Mal eine Schildkröte erblicken, bleibt der Anblick irgendwie prägend. Wir haben das schon öfter beobachtet. Manche können das Wort Schildkröte noch nicht aussprechen und kombinieren einfach meinen Namen mit den Tieren. „Rina“ heißt also bei den begriffsstutzigen Eltern „Schildkröten bei Regina im Garten“. Anfangs hatte ich mich immer sehr geehrt gefühlt, dass viele Kinder zu Rina, also zu mir wollten und bei den Eltern regelrecht quengelten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem auch ich begriff, dass sie die Schildkröten sehen wollten und nicht mich.

 

Auch wenn Kinder irgendwann größer sind, steht bei den meisten Textnachrichten an mich, immer ein Gruß an Enzo oder an eine andere Schildkröte in der letzten Zeile.

 

 

 

Text und Fotos: Regina Conrad. Alle Rechte bei der Autorin

2 Kommentare


  1. Auch bei uns waren oft Kinder zu Besuch und waren von den Schildkröten ganz angetan. In den ersten Jahren, als wir das Gehege hatten, ließ ich die Kinder – in meinem Beisein – hinein und auch einmal eines der größeren Tiere tragen, mit dem bekannten, oben beschriebenen Tragegriff. Allerdings wurde uns das nach einigen schlechten Erfahrungen irgendwann doch zu riskant; nicht alle Kinder waren bereit, den gut gemeinten Anweisungen zu folgen. Seither geht niemand Fremder mehr in unser Gehege – von außen die Tiere anzusehen, muß genügen.


  2. Als ich noch meine Landschildkröten hatte, kamen jedes Jahr Kindergruppen vom nahen Kindergarten zu Besuch, um meine Tiere zu sehen und etwas über sie zu erfahren. Die ausgewachsenen Schildkröten durften sie zwar berühren, aber nicht in die Hand nehmen. Besonderes Interesse bei den Kleinen weckten natürlich stets die Schlüpflinge, aber auch die ddddurften sie nicht in die Hand nehmen. Ich gab sie ihnen vielmehr vorsichtig am Tisch in einer jener Plastikschalen in die Hand, in denen gewöhnlich Möhren oder Salat verpackt wird. Hätte ein Kind die Plastikschale mit dem Schlüpfling fallen lassen, dann wäre es aus vielleicht nur 10 cm Höhe auf den Tisch gefallen und nicht 1 m tief auf den harten Terrassenboden.
    Horst Köhler, http://www.schildi-online.eu

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