Herpes im Bestand ein Albtraum (Teil 1)

Von Carsten Saiko

Eine WhatsApp-Nachricht meiner Tierärztin…
Ein Foto der Auswertung einer Blutuntersuchung und eines Rachentupferabstriches:
Herpes 770 positiv!

Darunter der kurze Satz: Es tut mir so leid! – Stille.
Mein Hals schnürte sich zu, ich rang nach Atem, eine Faust krallte sich um mein Herz…
Oh!… Mein!… Gott!…
Das steht da nicht! Das kann nicht sein! Wie? Woher? Wann und vor allem warum?!
Ich fiel in einen Albtraum, aus dem ich mehrere Wochen nicht erwachen sollte…Aber der Reihe nach.
Im Herbst 2015 besuchte ich eine Schildkrötenfreundin und sah in ihrem Gehege ein wunderschönes Testudo hermanni hermanni Weibchen sitzen, als einzige in einer gemischten Gruppe von diversen Landschildkrötenarten ihrer privaten Auffangstation.
Ich verliebte mich sofort in die gepanzerte Dame und jammerte fortan bei jeder Gelegenheit meiner Freundin die Ohren voll und erreichte schließlich im Frühjahr 2016, dass sie einwilligte und mir das Tier versprach. Ich bat wie üblich im Vorfeld um einen Herpestest, den sie auch ganz selbstverständlich sofort veranlasste und dessen Ergebnis mich tief befriedigt das Tier 3 Wochen später abholen ließ.
Aber etwas stimmte nicht. Nur was? Ich brauchte eine Weile und dann fiel es mir schlagartig auf: Das war gar keine Thh, sondern eine Herci und sie sah einer Thh doch so verdammt ähnlich! Wie konnte mir das nach 33 Jahren Schildkrötenhaltung passieren?! Nun, manchmal siegt die Gier oder Sammelleidenschaft – jedenfalls etwas Ungutes – und man wird blind für das Offensichtliche. Was nun?

Erstmal behalten, denn schön war sie ja. Kurz darauf bat mich eine Bekannte, ein im letzten Jahr vermitteltes Männchen wieder zurückzunehmen; es integriere sich nicht in ihre Gruppe. Schade, aber Ehrensache, das Tier sollte zurück und diesmal für immer. Das hatte er sich verdient. In der Box befand sich beim Öffnen ein weiteres kleines Männchen als Geschenk….! Suuuuper…:o( !!!
Da ich mittlerweile wusste, dass die Bekannte gern mal Tiere aufnimmt und diese dann auch wieder abgibt, kamen beide Männchen in ein Quarantänefrühbeet und ich ließ eine Blutuntersuchung zum Ausschluss von Herpes machen. Negativ. Wenigstens das!
Aber nun hatte ich für meine Gruppe definitiv zu viele männliche Tiere. Ich entschloss mich, einmal richtig tief in die Tasche zu greifen und noch zwei adulte Thh Weibchen zu erstehen, was mir auf Grund der Tiefe des Taschengriffs auch gut gelingen sollte. Natürlich ab ins Quarantänegehege und testen lassen!

Wie üblich Herpes negativ
Warum ich das so betone?
Ich wollte nicht fahrlässig mit meinen Bestand umgehen, hat mich die Schildkrötenhaltung mein ganzes Leben lang doch sehr geprägt und ist sie doch von großer Bedeutung für mich. Um es ganz optimal vom Geschlechterverhältnis her zu machen, beschloss ich, das Herci Weibchen gegen ein Thh Weibchen zu tauschen. Das wäre dann perfekt gewesen. Mein langjähriger Schildkrötenfreund und Vertrauter in allen Belangen rund um unsere Gepanzerten T. aus Rheinland-Pfalz bot sich als idealer Tauschpartner an, hielt er doch eine kleine Herci-Gruppe. Dort würde es die Kleine wirklich gut haben! Er bot mir ein Thh/Thb Bastard- Weibchen an, das einzige fast passende Tier in seinem Besitz.
Nun, das war zwar nicht perfekt, aber die Kleine war wunderschön und wirkte zudem wie eine etwas bullige Thh. Alles passte: Mittelnahtabstände, Wangenflecken, Bänderung, Maserung…Also gut, für die Zucht ungeeignet, aber als Abwechslung für die zahlreicher gewordenen Herren sicher okay.
Ich fragte meinen Freund nach einem Herpestest und er versicherte mir in der Folge dreimal, dass er einen Herpes negativen und überwachten Bestand hätte. Er mache immer Tests, schon zum Schutz seiner eigenen Tiere. Ich könne Annabella natürlich sofort dazusetzen. Er war ein langjähriger Freund, ein guter Freund, nicht ein Hauch von Misstrauen keimte da in mir. Warum auch!?
Im Juli 2016 zog Annabella als letztes Tier ein und die Gruppe schien perfekt. Alles ging seinen ganz normalen Gang, keine Auffälligkeiten, nichts. Die Starre kam und endete Anfang März für die meisten meiner Tiere; nur einige wenige – unter ihnen auch Annabella – nahmen sich etwas länger bis etwa Mitte März Zeit. Eines Morgens saß ich in meinem Schildkrötenhaus und wieder hatte ich eine Erkenntnis: Das sind ja viel zu viele!!!
Was machst du hier eigentlich??? Im Garten fällt das nicht auf, aber in einem 10 qm Haus über 20 adulte Thh….das war eindeutig zu viel! Und ich bereute meine Sammelleidenschaft und beschloss, mich von 7-8 Tiere zu trennen. Das würde nicht leicht für mich, aber auch ich hatte meine Lieblinge und weniger geliebte Tiere dabei. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Die Ironie des Schicksals ergab in der Folge, dass die weniger geliebten Tiere überleben durften…

Adulte Tiere im Frühjahr abzugeben ist relativ einfach
Innerhalb von zwei Tagen hatte ich für acht Tiere neue Zuhause gefunden. Zwei Tiere gingen in den direkten Freundeskreis, zwei zu einer Bekannten einer Freundin in den Westerwald, die anderen vier reservierte ich. Darunter ein äußerst seltenes Paar der großwerdenden Population aus dem südl. Menorca. So weit, so gut.
Ende März 2017 hustete Annabella… Nanu? Ein Schnüpfchen? Egal, ist morgen weg… War es aber nicht. Sie fauchte, fraß Löwenzahn und spuckte ihn sofort wieder aus. Eine Lungenentzündung? Was sollte es sonst sein? Von RANA hatte ich ewig nichts mehr gehört und Herpes konnte es ja nicht sein; Sie waren ja alle getestet.
Ich vereinbarte einen Termin bei meiner Reptilienfachärztin und besuchte sie am nächsten Tag. Erste Diagnose: Pneumonie, im Rachen war nur Schleim, Herpes war ja ausgeschlossen, vielleicht ein neuer RANA-Virus oder ganz was neues im Gepäck? Mit Baytril unterm Arm verließ ich die Praxis und packte das Tier nun endlich nach drei Tagen in eine separates Gehege. Das kriegen wir schon hin…
Nichts bekam ich hin, der Gesundheitszustand Annabellas verschlechterte sich täglich und so suchte ich meine Ärztin erneut auf. Sie hatte einen Verdacht, aber wo bitte schön sollte Herpes denn bei meinen getesteten Tieren herkommen!? Annabella wurde geröntgt um eine mögliche Legenot auszuschließen, denn außer klarem Schleim war nichts zu sehen. Keine Eier, Lunge total dicht. Jetzt musste ich täglich Baytril spritzen um wenigstens die Sekundärinfektionen in den Griff zu bekommen, aber es wurde immer schlimmer. Schließlich entschied ich mich endlich beim 3. Besuch zwei Tage später zur Blutkontrolle und zum Rachenabstrich. Ich wollte wissen, ob ich es mit einem neuen Virus zu tun hatte. Vielleicht doch RANA?
Nun, der Gartenteich liegt neben dem Landschildkrötengehege und wenn auch die Emys den Zaun nicht überwinden konnten, die Erdkröten konnten es doch. Annabella starb. 10 Tage nach der Blutentnahme bekam ich den oben genannten Befund.
Herpes 770 positiv.

Ich brach innerlich total zusammen. Ich griff zum Hörer und informierte sofort die Menschen, die wenige Wochen zuvor von mir adulte Tiere bekommen hatten. Ich war die ganze Zeit mit ihnen im Kontakt, auch sie waren geschockt und auch sie begriffen allmählich, in welch tödlicher Gefahr sich ihre Tiere befanden. Wer noch keine Quarantäne gemacht hatte, machte es ab diesem Zeitpunkt. Zu spät?

Text: Carsten Seiko. Alle Rechte beim Autor.
Wird in der kommenden Woche fortgesetzt.
Der Text erschien zuerst auf www.casa-carapax.de und wurde von dort mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen.

 

1 Kommentar


  1. Dieser Bericht zeigt, wie schnell man an einen Virus geraten kann. Ich hoffe, Carten macht durch seine Offenheit vielen Haltern Mut, mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit zu gehen, falls ihnen etwas ähnliches widerfahren ist. Versteckt euch nicht, macht es publik, nur so kann man was ändern.

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