Kalkstein – das Non plus Ultra?

Verfolgt man die Diskussionen im Internet über den Gehegebau für Schildkröten dann fällt auf, dass nach wie vor allen Gehegebauern Kalkstein als Non plus Ultra empfohlen wird. Fast ist es so, als gäbe es keine anderen Gesteinsarten, die zur Nutzung in Schildkrötenanlagen geeignet wären.
Bisweilen führt dies zu besorgten Rückfragen von Neueinsteigern, ob es denn unbedingt Kalkstein sein müsste – und alles andere wäre nicht mal mehr zweite Wahl sondern ein Ding der Unmöglichkeit. So zumindest ist in manchen Diskussionen der Tenor.
Begründet wird dies mit der Tatsache, das der überwiegende Teil der Schildkrötenhabitate Europäischer Arten eben Kalkböden aufweist – eine Ausnahme bildet hier zum Beispiel die Gallura in Nordsardinien. Hier leben Breitrandschildkröten auf Granitgestein. Dazu können Sie hier ein paar Eindrücke finden. Der überwiegende Anteil der Tiere aber lebt auf kalkhaltigen, mageren Böden – und das sollen Gehegebauer möglichst in ihren Gärten umsetzen..

Ich möchte dies zum Anlass nehmen, ein paar persönliche Gedanken zu dieser Frage zu formulieren – vor allem über die unterschiedlichen Funktionen der Steine, die ich in diesem und im Folgeteil einzeln zur Sprache bringen möchte.

Damit knüpft dieser Beitrag in gewisser Weise an unsere Serie Alles Schotter oder was aus dem Jahr 2015 an, ergänzt sie, relativiert sie zugleich aber auch ein wenig.
Die Fragen lauten:
Welche Funktionen haben Seine im Gehege?
Welche Gründe gibt es, Kalkstein zu wählen?
Ist Kalkstein die beste Wahl bzw. muss es das wirklich unbedingt sein?

Nähern wir uns „vom Rand her“ der Thematik an und fragen, wozu soll man überhaupt Steine in einem Schildkrötengehege haben.

1. Steine als optisches Gestaltungselement
Einer der ersten Gründe für Steine im Gehege ist, dass es gut aussieht, was natürlich eine Frage des eigenen Geschmacks ist.
Vielleicht ist das gar nicht mal so unwichtig, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken könnte. Halter möchten verständlicherweise, dass die Gehege ihren ästhetischen Ansprüchen entsprechen: Es soll schön aussehen und das ist auch ein berechtigtes Anliegen, schließlich „opfern“ die meisten Schildkrötenhalter größrere Flächen ihres Gartens für die Tiere.
Wie sagte unsere Nachbarin vor Kurzem so schön über ein von mir neu angelegtes Gehege, nachdem ich mehere Säcke Steine verteilt hat: „Jetzt schaut es richtig schön aus. Richtig mediterran aus.“

Natürlich haben Steine auch für Schildkröten eine wichtige gestalterische, optische Funktionen: Sie durchbrechen Blickachsen, sie markieren Punkte, die die Tiere wiedererkennen, Steine können Versteckplätze bilden, lange Geraden an Gehegeumrandungen auflockern, können Wege versperren und vieles mehr. Sie verdecken und kaschieren, sie verstopfen Löcher von Wühlmäusen und vermeintliche Schlupflöcher in der Einfriedung.
Betrachtet man Steine isoliert unter diesem Aspekt, ist es völlig unerheblich, um welche Art Gestein es sich handelt. Ob man Kalkstein, Granit, Felsspat, Kalksandstein, Schiefer, Basalt oder andre Steine verwendet, macht in dieser Frage überhaupt keinen Unterschied. Es ist lediglich eine Frage des Geschmacks. Soweit Steine gestalterische Funktion übernehmen verwende ich viele Steine, die ich aus den Habtiaten mitgebracht habe, aber auch Steine aus den Alpen und große Flußkiesel, die durchaus 15cm Durchmesser oder mehr haben. Die nämlich habe ich in größerer Menge bei der Neuanlage eines Geheges verbaut, nachdem ich sie von einem Feld in der Nachbarschaft absammeln konnte. Bauern sind immer froh, wenn sie diese Brocken beim Ernten nicht mehr im Boden haben.
In der frühen Bauphase sah das so aus:

Die runden Steine habe ich zur Hälfte eingegraben, damit sie nicht wackeln oder verrutschen können. Das kommt übrigens nicht nur den Schildkröten zu Gute: Wenn ich selbst im Gehege unterwegs bin, möchte ich auch Trittsicherheit unter meinen Füßen.

2. Steine als Drainage
Nicht zu unterschätzen ist die Drainagefunktion, die Steine in meinem Gehege übernehmen (müssen). Ich verwende sie zum Beispiel an verschiedenen Stellen dafür, dass sie größere Mengen Oberflächenwasser aufnehmen.Das Regenwasser füllt die Luftzwischenräume zwischen den Steinen und versickert dann von dort aus in den schweren Lehmboden, der bei weitem nicht dazu in der Lage wäre,Starkregengüsse schnell nach unten abzuführen. Überall, wo sich im Gehege schnell Pfützen und Matschstellen bilden, müssen Steinflächen Abhilfe schaffen. Dazu verwende ich ganz unterschiedliche Steine, sowohl was das Mineral (Kalkstein, Kalksandstein, Kiesel ua.), als auch, was die Größe betrifft:

Da die Böden in unserer Region das Wasser nur langsam abführen, habe ich unter Frühbeet und Schlafhaus eine mehrere Zentimeter dicke Kiesschicht aufgeschüttet. Sollte mal bei extremen Starkregen Wasser ins Frühbeet oder Schlafhaus eindringen, dann kann es dort durch die lockere Erde sofort in diese Drainage ablaufen, ohne die Tiere zu gefährden. Hier verwende ich ganz einfache Flusskiesel, die ich aus der einer Kiesgrube im Nachbardorf geholt habe. Das war die einfachste und günstigste Lösung.

Aus mehreren Gründen bevorzuge ich auf der Gehegeoberfläche allerdings die gebrochenen Steine: Die Schildkröten tun sich leichter, über eckige, kantige Steine zu laufen, die unter ihren Tritten kaum nachgeben. Bei Flusskieseln, die aufgrund ihre glatten Oberfläche und runden Formen permanent verrutschen, ist das anders. Hier finden die Füße weniger Halt – eine Erfahrung, die jeder von uns auch machen kann, wenn er zum Beispiel über Kiesbänke an Flüssen läuft.

Zudem können zusammenhängende Flächen mit kleinen, runden Kieselsteinen eine gefährliche Falle für Schildkröten werden, falls diese umfallen. Wenn sie dann versuchen, mit den Krallen Halt zu finden, um sich wieder aufzurichten, verwenden sie viel Kraft, um ihre Körper zu drehen. Nun kann es passieren, dass sie bei dieser Aktion lediglich die Kieselsteine hin und her schieben, da diese nicht genug Gewicht haben und Widerstand geben. Die Schildkröte hat kaum mehr die Möglichkeit, sich eigenständig zurückzudrehen. Bei kantigen Steinen ist diese Gefahr wesentlich geringer.

Hinzu kommt, dass meiner Meinung nach Kalkbruchsteine wesentlich schöner und natürlicher im Gehege aussehen als Flußkiesel.
Trotzdem befinden sich auch in meinem Gehege Kieselsteine – die nämlich landen immer dann dort, wenn ich sie bei der Gartenarbeit in den Beeten finde, was relativ häufig vorkommt, wenn man im Kiesland in der Nähe der Alpen wohnt. Diese Steine aber liegen nicht in zusammenhängen Flächen. Auch Marmorkies, den ich günstig eingekauft hatte, wird im Gehege mit anderen Steinen kräftig durchmischt.
Für die Drainagefunktion spielt die mineralische Beschaffenheit des Steines eine untergeordnete Rolle – entscheidend ist, dass die Steine genug Zwischenräume bilden, in denen das Wasser schnell „verschwindet“.

3. Steine als Faktor des Mikroklimas
Neben der Funktion, die Gehegeoberfläche schneller abtrocknen zu lassen, haben Steine für das Mikroklima noch eine weitere Funktion: Sie speichern bei Sonneneinstrahlung die Wärme. Schildkröten suchen gezielt solche Plätze auf – gerade in den Morgenstunden, wenn sie schnell ihre Körpertemperatur steigern wollen. Dann liegen sie auf Steinen oder stellen sich an Steinen schräg auf, um die Sonneneinstrahlung im möglichst effektiv im besten Winkel nutzen zu können. Meine Tiere zum Beispiel sammeln sich morgens an solchen Plätzen und nutzen auch die Mauer zum Nachbargrundstück, die sich ebenfalls schnell erwärmt.
Gerade hier ist es wichtig, dass die Steine, gegen sie sich Schildkröten lehnen, genug Halt geben, damit die Tiere nicht umfallen.
Als Wärmespeicher spielt die unterschiedliche mineralische Beschafffenheit von Steinen tatsächlich eine Rolle. Denn Steine haben unterschiedliche Wärmespeicherzahlen, (eine physikalischen Einheit), die nach einer bestimmten Formel berechnet wird und besagt, wie viel Energie notwendig ist, um einen Kubikmeter dieses Materials um ein Grad zu erwärmen.
Die Gesteine verfügen über unterschiedliche Wärmespeichervermögen – was insbesonder im Hausbau und bei Wärmedämmungen von großer Bedeutung ist. Vereinfacht: Je höher die Wärmespeicherzahl ist, umso mehr Energie wird benötigt, um den Stein zu erwärmen. je länger hält er dann aber auch die Wärme.
Für Schildkrötengehege ist das nicht von zentraler Bedeutung, trotzdem ist es vielleicht gut zu wissen. Nachfolgend habe ich ein paar Wärmespeicherzahlen typischer Gesteine, die im Gehege verwendet werden zusammengestellt und als  Vergleich dazu die Wärmespeicherzahl von Stahl, Aluminium sowie Eichen- und Kiefernholz mit aufgelistet.

Material Wärmespeicherzahl
Stahl 3.120
Marmor (kristalliner Kalkstein), Granit, Basalt 2.520
Aluminium 2.430
Sandstein 2.418
Eiche 1.912
Lehm 1.800
Vollziegel 1.656
Kalksandstein (Rohdichte 1.800) 1.584
Kiefer 1.496
Kies 1.344
Ziegel 1.288
Kalksandstein (Rohdichte 1.400) 1.232

Quelle: Code-Knacker.de

Stark vereinfacht bedeutet das: Ein Kalkstein mit geringer Rohdichte erwärmt sich morgens in der Sonne deutlich schneller als ein Granit oder kritalliner Kalkstein (Marmor), speichert die Wärme aber auch nicht so lange.
Und wie immer gilt: Dunkles Material erwärmt sich wesentlich schneller als Helles.
Daraus könnte man jetzt theoretisch folgern, dass Schildkröten morgens die sich schnell aufwärmenden Materialien/Gesteinsarten bevorzugen, aber am späteren Nachmittag, wenn die Temperaturen wieder fallen, die wärmespeichernden Steine aufsuchen. Aber so weit geht es dann doch wohl nicht.

Ein weiterer Effekt von Gesteinflächen in Gehegen muss jedoch erwähnt werden. Dort, wo die Steine die Erde abdecken, verhindern oder verzögern sie, dass die sich darunter befindende Erde trocknet. Zwar sind die Steinflächen selbst sehr schnell trocken, das Erdreich aber hält das Wasser, das es aufgenommen hat, wesentlich länger. Die Folge ist, dass die Verdunstungskälte direkt am Boden ebenfalls ausbleibt. Im Gegensatz zu Pflanzen und auch Erde lagert sich der Morgentau auch nicht in großer Menge auf Steinen ab bzw. verdunstet dort wesentlich schneller. Gesteinsflächen führen also zu einer größeren Trockenheit im Gehege als im übrigen Garten. Was allerdings nicht bededeuten darf, dass man jetzt das ganze Gehege mit Steinen in eine Mondlandschaft verwandeln und jeden flachen Pflanzenbewuchs (Gräser/Kräuter) radikal ausrotten sollte. Pflanzen erfüllen nämlich im Schildkrötengehegen ebendalls enorm wichtige Funktionen, wie sie hier nachlesen können. Leider neigen viele Gehegebauer dazu, hier zu radikal vorzugehen.
Auch hier muss noch mal gesagt werden: Abgesehen von den unterschiedlichen Wärmespeichereigenschaften spielt die mineralische Beschaffenheit des Gesteins nur eine untergeordnete Rolle – wenn überhaupt.

Der Beitrag über den Einfluss des Kalksteins auf die Bodenbeschaffenheit folgt in Kürze.

Text und Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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