Erzähl mal (Folge 5): Nachwuchsschwierigkeiten

vignette Während mein Mann meint, dass wir mit neun Schildkröten genügend Tiere haben, finde ich immer es könnten noch mehr sein. Mein Spruch: „Der ganzen Garten muss ein Panzer sein!“ treibt ihn schlichtweg in den Wahnsinn.

An dem heißesten Tag des Jahres kamen wir gerade nach Hause und setzten uns mit einem Bierchen auf den Rasen und ließen die Rock’n Roll Veranstaltung Revue passieren. Die Schildkröten waren noch aktiv und wuselten umher, Enzo drehte seine Runden um Marcus, und Oskar suchte sich so langsam seinen Schlafplatz aus. Kimble drückte sich am Hochbeet herum und fing an zu graben und das zum allersten Mal. Wie in den Dokumentationen im Fernsehen schaufelte sie fleißig eine Grube in die Erde, immer abwechselnd mit ihren Hinterbeinen. Ganz tief grub sie und spulte ihr Programm ab. Als die Grube ihrer Meinung tief genug war, ließ sie das erste Ei auf ihre Hinterbeine fallen und legte es behutsam über die Krallen ab. Kimble legte fünf Eier und wir waren fasziniert, dass so etwas in unserem eigenen Garten passierte. Nach dem letzten vorsichtig abgelegten Ei schaufelte die Schildkröte alles wieder zu und drückte die Erde mit Stampfen platt, so dass man die Grube nicht mehr erkennen konnte.

Danach hatte Kimble erst einmal einen Riesenhunger und wir fütterten sie mit ihrer Lieblingsspeise „fette Henne“. Ja und nun ? Wir lasen nach was zu tun ist. Wir brauchten also einen Inkubator, den bestellten wir per Express Versand im Internet und ließen die Eier die erste Nacht in der Erde. Im Internet gibt es auch immer wieder „Schildkrötenexperten“, die ihre Ratschläge und Tipps kostenlos zur Verfügung stellen. Ich schrieb einen Experten an und erlebte mein blaues Wunder: „ Sie müssen ein Zuchtbuch führen, müssen der Behörde Bescheid geben und dürfen ohne Erlaubnis der Behörde kein Ei in den Inkubator überführen!“ Bis dahin konnte ich alles nachvollziehen, aber dann kommt noch das letzte „Muss“. „Sie müssen den Vater angeben!“

„Bitte was? Ich habe drei Männchen und alle finden Kimble super toll, woher soll ich das wissen?“

Er beharrte darauf: „ Sie müssen wissen, wer der Vater ist!“ Während ich überlegte, fiel mir meine Freundin ein, die gerade einen Sohn zur Welt gebracht hatte und auf dessen Geburtsurkunde steht: „Vater unbekannt“.

Am nächsten Tag kam der Inkubator und mein Mann buddelte die Eier vorsichtig aus, markierte sie, so dass wir sie positionsgenau in den Brutautomaten überführen konnten. Bei jedem Ei, das wir hineinlegten, stieg das schlechte Gewissen: Kein Buch, keine Zuchterlaubnis und wir wussten immer noch nicht, wer der Vater sein könnte. Gedanklich malte ich mir schon meine Gefängnisstrafe aus, wenn aus dem ersten Ei eine Schildkröte schlüpft.

Ich rief bei unserer Behörde an und ließ mich mit der Sachbearbeiterin „Artenschutz“, bei der ich alle meine Tiere angemeldet hatte, verbinden. Ohne Umschweife legte ich direkt ein Geständnis von meinen illegalen Handlungen ab und erntete ein herzliches Lachen.

Endergebnis war, dass ich weder ein Zuchtbuch haben musste, noch den Vater wissen musste. Die Sachbearbeiterin kannte mich seit Jahren und bremste etwas meine Euphorie. „ Das erste Gelege ist immer schwierig, vor allem wenn die Eier eine Nacht in der kalten Erde waren.“

Meinem Experten schrieb ich noch, dass mein Amt für Artenschutz die Sache mit der Vaterschaft nicht so genau nimmt. Nach meiner Mail, hat er nicht mehr geantwortet und seine Anzeige gelöscht.

Wir versuchten nun unser Glück mit dem Nachwuchs: Wir achteten auf Temperatur; Luftfeuchtigkeit und nahmen die Eier ab und zu heraus, um irgendwelche Nachwuchsanzeichen im Ei zu erkennen.

Fünf Wochen ging das so. Routinemäßig öffnete ich den Inkubator und mir kam plötzlich ein fieser Gestank entgegen. Eine Eischale war aufgeplatzt und das faule Ei hatte sich über die anderen Eier ergossen.

Zusammen mit meinem Mann entsorgten wir das Gelege, aber öffneten vorher trotzdem jedes einzelne Ei. Keines war befruchtet.

Wir waren schon sehr enttäuscht, denn einmal Schildkrötenbabys zu bekommen, stellten wir uns doch sehr spannend vor. Aber das ist eine andere Geschichte…

Text und Fotos: Regina Conrad. Alle Rechte bei der Autorin

1 Kommentar


  1. Hallo Frau Conrad,
    Vielleicht klappte es ja wirklich deswegen nicht, weil die Schildkröteneier über Nacht im Boden im Freien lagen – besonders wenn zu diesem Zeitpunkt, wie bei uns hier in Südbayern, die Nachttemperaturen im einstelligen Bereich lagen. Ich rate immer dazu, das Gelege selbst dann am Ablagetag zu entnehmen, wenn noch kein Inkubator vorhanden ist. Einmal befand ich mich im Mai im Urlaub und hatte rechtzeitig meinen Sohn instruiert, was er im Fall einer Eiablage während dieser Zeit zu tun hat – und vor allem, woran er sieht, dass und wo Eier vergraben sind. Ich wollte ihn bewusst nicht mit der Einstellung des Inkubators und der regelmäßigen Kontrolle von Feuchtigkeit und Temperatur belasten. So kennzeichnete er die Eier lediglich und brachte sie, leicht abgedeckt, an eine dunkle Stelle im Wohnzimmer. Dort lagen sie bis zu meiner Rückkehr etwa 14 Tage lang. Aus etwa dreiviertel von ihnen schlüpften später gesunde kleine Landschildkröten.
    Möglicherweise liegt der Fehlschlag aber auch am jugendlichen Alter der Männchen und/oder des Weibchens. Und bei der ersten Verpaarung von Landschildkröten klappt eben nicht immer alles auf Anhieb. Also Geduld bis zum nächsten Mal. Der Inkubator ist ja schon mal da.
    Horst Köhler

Kommentar verfassen