Erzähl mal (Folge 4): Alles für die Schildkröten…

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Mein Mann und ich wohnten vor Jahren noch in einer Wohnung mit Balkon. Für unsere vier Schildkröten hatten wir den Balkon zurecht gemacht, damit sie draußen sein konnten. Da zu der Wohnung auch ein Gemeinschaftsgarten gehörte, beantragte ich bei einer Versammlung eine kleine Ecke für meine Schildkröten. Die Gemeinschaft genehmigte mir einen Teil des Gartens einzuzäunen und so zogen bald die Tiere in ihr eigenes Gehege.

Zu dieser Zeit verliebte sich ein Kollege in mich, obwohl ich fest liiert war. Der Kollege versuchte mein Herz zu gewinnen und baute mir ein Schloss… nein, nicht wie im Märchen und eigentlich war das Schloss auch gar nicht für mich. Er gab sich als Hobbygärtner aus und wollte mir das Schildkrötengehege anlegen. Ich ließ ihn einfach machen.

Im Garten hob er einen Wassergraben aus, legte Kieselsteine hinein und pflanzte allerlei Futterpflanzen für die Schildkröten an. Als er mit seinem Werk fertig war, rief er mich. In der Mitte des Wassergrabens hatte er eine selbstgemachte Burg aufgestellt mit allem was dazugehört: Zinnen, kleine Fenster, aufgemaltes Mauerwerk und eine Zugbrücke mit Kurbel. Ich war sprachlos, er hatte mir tatsächlich eine Schildkrötenburg gebaut. Burg „Krötenstolz“ kam super bei den Schildkröten an. Jeden Abend marschierten sie über die Zugbrücke in die Burg und schliefen in den Burgmauern. Morgens erschienen sie irgendwann wieder auf der Brücke und schritten über den Wassergraben in ihr Gehege. Ein Bild für die Götter. Doch die Nachbarskinder entdeckten die Burg schnell und wollten am liebsten mit ihr spielen. Nur die doofen Schildkröten störten sie, und deshalb wurden sie einfach aus dem Gehege genommen. Ich konnte noch rechtzeitig einschreiten und erklärte den Kindern die ungewöhnliche Wohnsituation.

Selbst den Winter verbrachten die Tiere in der Burg. Wir haben sie noch entsprechend präpariert, mit Laub gefüllt, die Zugbrücke hochgekurbelt und auf den Frühling gewartet.

Da Burg Krötenstolz aus Sperrholz gezimmert wurde, überlebte sie unseren Umzug ins eigene Haus leider nicht, und auch die Schwärmerei des Hobbygärtners für mich überlebte den Umzug nicht. Der neue Garten gehörte seitdem nicht nur uns – auch unseren Schildkröten.

Mein Mann hatte sich schnell einen Gasgrill zugelegt und grillte seitdem mit großer Leidenschaft auf seiner Grillplatte. Er machte ein richtiges Theater um das gute Stück und probierte mehrere Abdeckhüllen für seinen Grill aus, bis er die perfekte fand, damit der Grill bei Nichtbetrieb auch stets geschützt ist.

Ich lud gerne Freunde zum Grillen ein, manchmal sogar ohne vorige Absprache mit ihm. Als er eines abends von der Arbeit kam und ich ihm von dem spontanen Grillabend berichtete, war er entsetzt. Er ging in den Garten zu seinem Grill und legte danach vehement ein Veto ein.
„Den Grillabend kannst du absagen, es geht nicht!“
„Warum, ich habe schon alles eingekauft, du musst nur den Grill anmachen, den Rest mache ich schon.“
„Nein, es geht nicht, die Schildkröten schlafen schon…. und zwar unter dem Grill.“

Schildkrötenliebe hin oder her, das ging wirklich zu weit, sich von Schildkröten den Grillabend bestimmen zu lassen. Gut, dass wir noch einen weiterenGrill hatten.
Am nächsten Morgen war ich schon vor meinem Mann wach, räumte die letzten Gläser weg und setzte mich mit einem Kaffee auf die Terrasse. Mein Blick fiel auf die Haube, die über den Grill gestülpt war, und ich sah wie Brandy und Kimble sich unter der Haube nach draußen drückten. Beide Schildkröten blieben im Eingang stehen und schauten gleichzeitig nach rechts.
Ob sie sich auch über den alten Holzkohlegrill im Garten wunderten, der bis gestern noch im Schuppen gestanden hatte?

Text und Bilder: Regina Conrad. Alle Rechte bei der Autorin

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