Exkursion in die Rhodopen

Von Gunda Meyer de Rojas

Wer oder was sind die Rhodopen?
Diese Frage hätte ich noch vor einem Jahr nicht beantworten können. Die Rhodopen sind ein Gebirgszug im Süden Bulgariens, nahe den Grenzen zur Türkei und Griechenland. Die Region zählt zu den artenreichsten und unberührtesten Gebieten Europas. Testudo hermanni und Testudo graeca finden hier einen noch unverfälschten Lebensraum vor.
Ausgangspunkt für unsere Tour in die Ostrhodopen ist das Schildkrötenzentrum der „Geachelonia Foundation“ am Schwarzen Meer. Gemeinsam mit dessen Betreibern Ivo Ivanchev und Iva Lalovska und ihrem kleinen Sohn machen wir uns auf den Weg nach Südwesten. Wir sind gespannt.
Verschlungene Straßen führen vorbei an Sonnenblumenfeldern und grünen Weiden. Wir kommen durch Orte, auf denen auf jedem zweiten Strommasten eine Storchenfamilie thront. Immer häufiger begegnen uns Pferde- und Eselkarren. Nach ca. 3 Stunden haben wir eine Gegend erreicht, in der die sparsam vorhandenen Wegweiser nicht mehr weiter helfen. Und das liegt nicht nur an den kyrillischen Buchstaben. Abwechslungsreiche Landschaftsformationen aus Schluchten, Tälern, Wiesen, Gebirgsbächen prägen die Landschaft. Schließlich erreichen wir den Ort Rabovo nahe dem Staudamm Studen Kladenets am Fluss Arda – die Basis für unsere Tagesausflüge.
Frauen in Pluderhosen und bunten Kopftüchern, Männer mit altertümlichen landwirtschaftlichen Geräten sind am Straßenrand beschäftigt. Üppige Tomatenfrüchte und Gurkenblüten leuchten durch Gartenzäune. Der kleine Ort Rabovo hat anscheinend mindestens ebenso viele Einwohner wie Kühe. Diese weiden frei auf den Hängen und marschieren abends selbstständig die Dorfstraße entlang in ihren heimatlichen Stall. Wir sehen überwucherte Ruinen, die sich beim genaueren Hinsehen manchmal auch als Fahrzeuge entpuppen. Aus dem für die Gegend typischen grünlichen Kalkstein sind Wohngebäude errichtet, die im Lauf der Zeit in ihre Bestandteile zerfallen und von den Berghängen aufgesogen zu werden scheinen. Überall sprudelt kristallklares Trinkwasser in steinerne Brunnen am Wegrand. Unsere bulgarischen Begleiter stellen fest, dass man hier mit der Landessprache bulgarisch nicht weit kommt. Die Einwohner sprechen türkisch. Aus dem Lautsprecher eines Minaretts ertönt in regelmäßigen Abständen der Ruf des Muezzin zum Gebet.
Unsere Unterkunft bei Stefka und Petko liegt direkt über dem Fluss, der sich abwechselnd als harmloses, angenehm temperiertes Gewässer oder als reißender, eiskalter Fluss präsentiert, je nachdem, ob der die Schleusen des 2,5 km entfernten Staudamms geöffnet oder geschlossen sind. Die allgegenwärtigen Frösche und Grillen bilden eine allgegenwärtige Geräuschkulisse, außerdem schreit nachts ein Fischotter, der am gegenüberliegenden Ufer seinen Bau hat.
Frösche, Unken, leuchtend grüne Eidechsen, Nattern, Schlangen, seltsame Insekten und wunderschöne Schmetterlinge fallen uns auf unseren Tagestouren auf, ohne dass wir gezielt danach suchen. Nach Schildkröten müssen wir schon etwas intensiver Ausschau halten. Alle paar hundert Meter wandelt sich das Landschaftsbild. Hohe Kalkfelsen und Schotterflächen, die steppenartig mit kurzen Gräsern, Flechten und dornigen Sträuchern bewachsen sind, wechseln sich ab mit grünen Wäldern und idyllischen Gebirgsbächen.p1100923
Mit der Zeit schärft sich der Schildkröten-Blick. Am Rande von Gebüschen oder an Wegrändern halten sich die Panzerträger gern auf. Im lichten Schatten der Blätter und Zweige sind sie perfekt getarnt. Insgesamt beobachten wir an den 4 Tagen 8 Testudo hermanni boettgeri und 14 Testudo graeca ibera, dazu eine Emys orbicularis. Wir hätten mit mehr gerechnet, befinden wir uns doch in Bulgariens drittgrößtem Verbreitungsgebiet von Landschildkröten. Aber natürlich freuen wir uns über jede Entdeckung. Abgesehen von einem 1-jährigen und einem 3-jährigen Tgi-Jungtier handelt es sich um adulte Tiere, mindestens drei von ihnen sind augenscheinlich schon sehr alt. Bei Thb sind es überwiegend Männchen, bei Tgi ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. Einige haben Unregelmäßigkeiten am Carapax, die nach verheilten Sturzverletzungen aussehen. Kein Wunder, die Mehrzahl der Tiere sahen wir an Klippen und Steilhängen.dscf5055_tgi_5
Die Hitze ist kaum auszuhalten. Die Temperaturen liegen schon den gesamten Juni bei über 30°C, was für die Gegend nicht ungewöhnlich ist. Schon um diese Jahreszeit ist das Gras auf den offenen Flächen überwiegend verdorrt und man fragt sich, wovon sich die Schildkröten hier eigentlich ernähren. Beim genaueren Hinsehen kann man in der Grasnarbe jedoch vereinzelt frisch austreibende Blattrosetten von Wegwarte, Kompasslattich oder Ferkelkraut erkennen. Die Hochebenen sind mit Hasenklee bewachsen. Einer Tgi lege ich eine Pflaume vor die Nase, die sie mit desinteressiertem Blick betrachtet und sich dann abwendet. Man kann schnell auf die Idee kommen, dass bei uns zu Hause das Thema Futter völlig überbewertet wird. Die Tiere scheinen hier hauptsächlich mit Thermoregulation beschäftigt.
Die Testudo hermanni boettgeri aus der Gegend wiesen in ihrer Erscheinungsform nicht die große Bandbreite auf wie die Tiere, die wir am Schwarzen Meer gesehen haben. Sie wirkten von Größe, Zeichnung und Panzerform her sehr einheitlich, fast wie Geschwistertiere. Die adulten Tiere waren klein bis mittelgroß, ihr Gewicht betrug schätzungsweise 700 – 900g. Die legendären Riesen bekamen wir nicht zu Gesicht. Die Grundfarbe war oliv bis gelb-oliv, der Grundriss nahezu kreisförmig, der Carapax bildete eine halbkugelige Form.
Das Plastron wies oft durchgehende schwarze Bänder auf, die zwischen Abdominal- und Femoralschild nicht unterbrochen waren. Die Naht zwischen den Brustschilden ist mal länger und mal kürzer als die Naht zwischen den Beinschilden, manchmal auch gleich lang. Wer die Herkunft dieser Tiere nicht kennt, könnte sie aufgrund dieser Merkmale leicht für Unterartmischlinge zwischen Thb und Thh halten. Jedoch kann man eine Vermischung von Unterarten in diesem Lebensraum eindeutig ausschließen.thb_4_p1100880

Testudo graeca ibera bevorzugen noch trockenere Lebensräume als Testudo hermanni. Die Tiere waren vereinzelt unterwegs, nur einmal sahen wir in einem ausgetrockneten Flussbett ein Pärchen, das seine Balzaktivitäten sofort unterbrach, als wir auftauchten. Es fiel sofort auf, dass mehrere Tgi weiße Flecken auf dem Carapax hatten: Pilz- und/oder Bakterienbefall – den Ivo auf die Auswirkungen hoher Feuchtigkeit während der Überwinterung zurückführte. Wir begnügten uns meistens damit, die Tiere zu beobachten. Nur wenige haben wir in die Hand genommen. Diejenigen, die wir näher betrachteten, waren – im Gegensatz zu Thb – in der Schwanzregion von Zecken befallen.tgi_7_p1100978
Nicht nur für Tier- und Pflanzenliebhaber sondern auch für Mineralienfreunde ist die Gegend ein Paradies. Achate und Opale kommen hier vor. Es gibt Höhlen, bizarre Gesteinsformationen, wie „die steinernen Pilze“ bei Beli Plast oder mysteriöse Nischen in den Kalkfelsen, deren Sinn und Entstehung noch nicht restlos entschlüsselt ist. Wir sind uns darüber klar, dass wir in der kurzen Zeit nur einen Bruchteil gesehen haben von dem, was die Landschaft bietet.tgi_1_s_geierplateau

 

Text und Bilder: Gunda Meyer de Rojas. Alle Rechte bei der Autorin.
Der Beitrag erschien in ausführlicher Form mit vielen weitere Bildern auch auf der Website der Autorin.

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